Beans out and about
Cracktown
Sonntag, April 4th, 2010Geschrieben von Beans
Hier noch ein Text zu Vancouver, der schon seit Monaten unfertig auf meiner Festplatte rumlag. Ich habe die Osterfeiertage genutzt, ihn endlich fertig zu stellen. Mal etwas anders als von mir gewohnt. Frohe Ostern!
‘8 Fraser’ biegt langsam um die Ecke Richards und Robson. Vorsichtig, damit die Hochleitungskontakte nicht wieder ausklinken. Ich steige ein, zeige dem Fahrer meine Monatskarte. Er bedankt sich und laechelt mir zu. Zu spaet denke ich daran, zurueck zu laecheln, bin schon auf halbem Weg durch den Bus. Ich bin wie immer der einzige Fahrgast und kann mir meinen Lieblingsplatz aussuchen. Ganz hinten rechts im Eck, strategisch guenstig gelegen. Im schlimmsten Fall koennen nur zwei Menschen direkt neben mir sitzen und das Fenster garantiert Frischluft. Die Freaks bleiben sowieso eher im vorderen Teil, fallen auf den erstbesten Sitz, taumeln nur ganz selten bis hinten durch. Ich erkenne einen Fleck am Boden wieder. Klebt immer noch. Vielleicht haette ich keinen weissen Rock anziehen sollen.
Der Bus faehrt an, auf geht’s in eine neue Runde. Meine Haltestelle ist die Start- und Endstation der Linie 8, Anfangs- und Endpunkt im Loop, Tag fuer Tag. Die Freakshow kann beginnen. Einmal Cracktown und zurueck.
In der Georgia Street steigen drei Maenner ein, ein Banker, ein irgendwer und ein junger Typ. Alles noch recht harmlos. Die zwei ersteren nehmen Plaetze weiter vorne, der junge Typ jedoch setzt sich zu mir in die letzte Bank, in die gegenueberliegende Ecke. Er traegt ein gruenes Polohemd mit nur halb aufgestelltem Kragen und stellt seine weiß beturnschuhten Fuesse auf die Metalllehne der Sitzbank vor ihm. Ich taufe ihn den Halbyuppie.
Die Haltestellenanzeige ist ausgefallen und der Busfahrer muss die Stopps selber durchsagen. Er tut dies mit lauter Stimme, aus Ueberzeugung. Er hat schon alles gesehen und liebt seinen Job immer noch. Und wenn nicht, laesst er sich jedenfalls nichts anmerken.
“Next Stop Dunsmuir, everybody!”
Langsam wird’s interessant. Zwei Drogies Marke Flaschensammler steigen ein, jeder mit zwei Plastiksaecken voll recyclebarer Behaelter, der Lohn einer Nacht gegen Pfand. Sie haben natuerlich kein Ticket, aber der Busfahrer laesst sie trotzdem rein. Die zwei bleiben wie erwartet im vorderen Teil des Busses, zu umstaendlich die prallen Saecke nach hinten zu bugsieren. Waere vor allem auch vom Gleichgewichtssinn zu viel verlangt. Beide sind mager, bleich und tragen billige, schmutzige Kleidung. Durchgelatschte Schuhe. Wieviele Kilometer Seitengassen diese Schuhe schon durchkaemmt haben? Drogie Eins starrt mit leeren Augen vor sich hin. Drogie Zwei sitzt zusammengekruemmt da, haelt den Kopf gesenkt und wippt mit dem Oberkoerper vor und zurueck. Vorundzurueckvorundzurueck. Auf was der wohl ist?
Der Halbyuppie neben mir faengt laut an zu laestern:
“Jeeez fuck they stink like a bloody brewery! Fucking crackheads!” Er schuettelt den Kopf und schnaubt veraechtlich. Als ich zu ihm hinueber sehe sucht er in meinem Blick Bestaetigung, ich sehe ihn aber einfach nur an. Und dann weg. Ich rieche nichts. Vorundzurueckvorundzurueck wie ein Wackeldackel. Ich frage mich, wie sie ihr Pfand zurueckbekommen. Die Supermaerkte haben strenge Regeln eingefuehrt, um die Obdachlosen aus dem Laden draussen zu halten. Ab vier Uhr keine Pfandrueckgabe mehr, und grundsaetzlich nur bis maximal 1$ pro Person. Jeder ihrer Saecke ist aber bestimmt 10$ wert, die haben wahrscheinlich ein schlaues System um die Maerkte auszutricksen. Oder auch nicht. Vor und zurueck.
An der Seymour Street Haltestelle wartet schon eine Traube von Menschen auf den Bus. Zwei Drittel davon haben weisse Stoepsel in den Ohren und halten die Koepfe gesenkt. Eine Frau Mitte Fuenfzig sticht jedoch heraus. Sie hat rosige Backen, schaekert beim Einsteigen mit dem Busfahrer und lacht laut auf, als sie auf der Suche nach ihrem Ticket die Handtasche fallen laesst. Sie lacht eine Spur zu laut. Als sie sich den hinteren Reihen naehert, erkenne ich meinen Fehler: den feinen Unterschied zwischen rosigen Backen und einem von jahrelangem Alkoholmissbrauch geroeteten Gesicht. Ihre falsche Lederhose ist zu eng, der Ausschnitt ihrer Bluse zu weit. Die Frau laesst sich geraeuschvoll auf den Sitz mir gegenueber plumpsen, lacht, seufzt und wendet sich an den in eine Ausgabe der “Province” vertieften jungen Mann neben ihr:
“I’m great man, I’m so happy! You know why? Hell yeah, I’m in love!”
Ihr Sitznachbar blickt nur kurz von seiner Zeitung auf und laechelt gequaelt.
“Good for you.”
Die Frau lehnt sich weit zu ihm hinueber, um in seiner Zeitung mitlesen zu koennen. Sie tippt mit dem Finger auf das Horoskop auf der gegenueberliegenden Seite.
“I’m a Virgin! Ha! You bet! Let me see what it says here, about Virgins, I just met this guy and I’m so in love with him, I need to know what that thing says.”
“It’s Virgo.” Der junge Mann ist genervt und drueckt ihr den Teil der Zeitung mit dem Horoskop in die Hand. Sie liest und kichert vor sich hin.
Wackeldackel wippt immer noch unermuedlich vor und zurueck, waehrend Drogie Eins sich schon dem Kampf mit dem Gleichgewicht stellt und Richtung Hinterausgang tappt. Er ruft seinen Kumpel mit einem unverstaendlichen Brummen zurueck in die Gegenwart und die beiden stolpern an der Cordova Street aus dem Bus. Halbyuppie gibt mit einer Litanei an Schimpfworten seine Meinung zu den Flaschensammlern ab, selbst wenn die schon lange ausser Hoerweite sind.
Ich versuche meine Ohren zu schliessen und blicke aus dem Fenster. An mir zieht Gastown vorbei und ich weiss, zum Hoehepunkt der Surrealitaet ist es nicht mehr weit.
Ecke Cordova und Main. Das Cafe neben der Haltestelle sieht verhaeltnismaessig nett aus, wenn man sich die Gitter an den Fenstern wegdenkt. An den zwei armseligen Tischchen davor sitzen zwei gleichwertig armselige Persoenlichkeiten. In sich zusammengesunken schluerfen sie Kaffee aus einem uebergroßen Becher mit Plastikdeckel. Ich frage mich, wie sie sich den Luxus ueberhaupt leisten koennen. Ein Becher Normalitaet fuer $3.50. Wie lang man dafuer wohl betteln muss? Oder anschaffen?
Ein alter Mann im Rollstuhl will zusteigen. Piep piep piep piep piep piep der Fahrer laesst die Behindertenrampe herunter piep piep piep piep piep die Seitenteile klappen um piep piep piep piep piep piep piep piep.
Der Krueppel schiebt sich auf die Plattform. Piep piep piep piep piep piep piep piep das Sicherheitsgelaender faehrt aus piep piep piep piep piep piep piep die Rampe hebt sich nach oben piep piep piep piep piep piep piep piep.
Der Rollstuhlmann ist erfolgreich auf Hoehe des Fahrers angekommen und fummelt mit seinen schwarzen Rheumafingern in den Taschen seiner schmutzigen Weste herum. Im Mundwinkel haengt eine erloschene Kippe, wahrscheinlich schon seit Tagen. Er fischt ein paar kleine Muenzen hervor und versucht sie zittrig in den Schlitz des Ticketautomaten zu bugsieren. Der Busfahrer hat ihn schon lange durchgewunken, aber der Alte besteht darauf, seine Fahrt zu bezahlen. Ein letzter Funke Stolz.
Er will auch nicht an den fuer Rollstuehle vorgesehenen Gurten festgeschnallt werden, sondern parkt sein Gefaehrt erstaunlich praezise rueckwaerts in eine kleine Nische ein.
“You got your breaks on, Buddy? I can’t drive off without you having the breaks on alright!”, ruft der Busfahrer nach hinten.
Jaja Bremse alles an, kann losgehen.
Der Fahrer faehrt an und Rollie slided quer durch den Bus.
Wir biegen um die Ecke und tauchen in die Parallelwelt ein. Vom glaenzenden Downtown in den Slum. Die Kreuzung Main und East Hastings ist das Herz des Elends, das pulsierende Zentrum der Sucht, der Mittelpunkt der Traurigkeit. Die vom Alkohol glasigtrueben Augen. Gelbstichig erloschen. Wie man wohl die Welt durch solche Augen sieht? Ich stelle es mir so vor, als wuerde man im Schwimmbad tauchen und dabei die Augen offen lassen, alles ist unscharf und das Chlor brennt und man moechte die Augen am liebsten fest zudruecken aber dann sieht man ja nichts, also bleibt man tapfer und strampelt weiter und blinzelt den Schmerz weg und taucht so lange bis einem die Luft ausgeht.
Ich tauche mit und sinke tiefer und immer tiefer mit den Menschen, die so tief gesunken sind, dass darunter nichteinmal mehr Leere ist, sonder einfach Nichts.
Vielleicht ist es aber auch umgekehrt, vielleicht stecke ich selbst mein Leben lang mit dem Kopf unter Wasser, und gerade jetzt ziehe ich ihn zum ersten Mal heraus und sehe die Details sehr klar. Die traurige Realitaet.
Obdachlose eingerollt in verdreckte Schlafsaecke am Buergersteig. Tod oder lebendig. Alte und junge Junkies an improvisierten Strassenmaerkten. Handel mit Gefundenem, Gestohlenem, Muell. Ein florierendes Mikrouniversum, unbehelligt von der glaenzenden Olympiastadt drumherum. Dealer, Prostituierte, Pimps. Aktive und passive Bettler, Einkaufswagenschubser, Flaschensammler, Alkies. Einer kaputter als der andere.
Ich will eigentlich nicht hinsehen, blicke aber trotzdem wie gebannt. Sensation? Mitleid. Sympathie? Verachtung. Abscheu? Erkenntnis.
Eine knochige Frau tappt bei Rot ueber die Strasse, der Bus bremst hart und reisst mich aus meinen Gedanken. Die Frau verliert auf halbem Weg die Orientierung und weiss nicht mehr ob vor oder zurueck. Autos hupen, die Verwirrte kraeht Unverstaendliches.
An der Pender Street steigt ein Junkie im verschlissenen Lederoutfit und langen, zerzausten Haaren zu. Er nimmt schraeg gegenueber mir Platz, blickt verstohlen in die Runde – Halbyuppie, Virgin, Rollie – und fragt schliesslich mich, ob ich mein Ticket nach dieser Fahrt noch braeuchte. Er waere jetzt noch gerade eben so ohne reingekommen, aber er muss ja noch umsteigen, und wenn dann Kontrolleure unterwegs sind, und es waere ja so kind of me und … Er erscheint mir verhaeltnismaessig nuechtern, und ich reiche ihm wortlos meine Fahrkarte rueber. Er bedankt sich kurz und fragt dann noch nach dem Weg zum Broadway. Ich rieche seine ungewaschenen Haare und drehe mich entnervt weg, zum offenen Fenster.
“Dunno.”
“C’mon lady,” ruft er aufmunternd und mit lachenden Augen, “Smile!”
Ich muss hier raus. Der naechste Halt ist Skytrain Station, wo ich endlich in meine Wirklichkeit umsteigen kann. Sehr passend, der Name Skytrain, back to the future in der sauberen, weißen, unbemannt gesteuerten Schnellbahn.
Wenige Meter davor geht ploetzlich garnichts mehr, die Straße steht. Jetzt geht auch noch das Gehupe los. Ich versuche den Grund fuer den Stopp herauszufinden, ohne mich zu viel zu bewegen. Ich verrenke meine Augen, um seitlich aus dem Fenster zu erkennen, was vor dem Bus vor sich geht. Ich sehe zwei junge Maenner aus ihren Autos aussteigen und zusammen etwas von der Straße wegtragen. Sie muessen zweimal zupacken, beeilen sich, um den Verkehr nicht noch laenger aufzuhalten. Was sie tragen sieht aus wie große schwarze Kisten. Hat ein Laster etwas verloren? Die Straße ist wieder frei und es geht weiter. Als der Bus an den Kisten am Buergersteig vorbei kommt sehe ich, dass es Zeitungsboxen sind, wie sie ueberall in der Stadt an der Straße stehen. Und dann sehe ich ihn. Er traegt nur einen Schuh. Er packt eine weitere Box und hebt sie ueber seinen Kopf, wie ein Gewichtheber, mit unerwarteter Kraft fuer seine magere Gestalt. Er nimmt Schwung und schleudert sie auf die Straße, mitten in den laufenden Verkehr. Der Busfahrer reißt das Lenkrad herum und wechselt ruckartig auf die andere Spur. Gerade noch. Im Vorbeifahren sehe ich die Augen des Schwarzafrikaners. Wuetend. Verzweifelt. Und dann ist er und alles andere aus meinem Blickfeld verschwunden.
London calling
Sonntag, Februar 7th, 2010Geschrieben von Beans
Mind the gap, cuppa tea, blokes, mate and luv, rote Doppeldeckerbusse im Linksverkehr, schwarze Taxis, Nieselregen – ich hatte vergessen, wie sehr ich mich in London wohl gefuelt habe!
Vor 4einhalb Jahren habe ich England als frischgebackene Frau MA Digital Effects verlassen; nach einem turbulenten Jahr an der Bournmouth Uni, nach einem Jahr StudentenWG zu sechst ohne Geld, aber dafuer mit viel Spass und noch mehr Gin and Tonics.
Jetzt bin ich zurueck und wenig hat sich veraendert. London fasziniert mich immer noch wie am ersten Tag; besonders im Vergleich zu Vancouver hat hier jeder Stein Geschichte, und an manchen Ecken wuerde man sich nicht im geringsten wundern, wenn ploetzlich Sherlock Holmes hoechstpersoenlich vorbeilaufen wuerde. Die Stadt hat Flair und das kulturelle Angebot ist riesig. Hier werden Trends und Musikstile geboren, und im Kontrast dazu steht die schon fast schnuckelige royal-englische Konservativitaet, dieses “very british”, das trotz der modernen Zeiten von Einhandmischbatterie und Doppelverglasung noch immer zu spueren ist.
Was sich jedoch veraendert hat, bin ich und meine finanzielle Situation. Das ist auch gut so, denn um sich in London eine halbwegs vernuenftige Wohnung leisten zu koennen, muss man leider tief in die Tasche greifen. Ich sage nur soviel, Joerg und ich zahlen jetzt ziemlich genau doppelt so viel Miete wie in Muenchen, fuer eine halb so grosse Wohnung. Tja…
Auch die Wohnungssuche entpuppte sich etwas anstrengender als erwartet, weil wir die schiere Groesse der Stadt unterschaetzt hatten. Allein um von einem Besichtigungstermin zum naechsten zu kommen mussten wir eine Stunde Transferzeit einrechnen. Zum Glueck sind wir schon recht routiniert was Neuanfaenge in fremden Laendern angeht, und haben es geschafft, innerhalb von 2 Wochen alle organisatorischen Dinge zu erledigen. Wohnungssuche, 4 Trips zu diversen Ikeas, National Insurance Number organisieren, Bankkonto eroeffnen … und das Murmeltier gruesst recht freundlich.
Das Bankkonto war wiedermal eine schwere Geburt. Es handelt sich ja nichtmal um ein Konto mit Ueberziehungsrahmen, geschweige denn einen Kredit, sondern nur ein normales Girokonto worauf Geld einbezahlt wird. Doch als Auslaender ohne Credithistory bedarf es eines Arbeitsvertrags, einer festen Wohnhaft und eines speziellen Schriebs der Firma um nachzuweisen, dass man kein Schwarzgeldhaendler oder Steuerhinterzieher mit arg boesen Absichten ist. Die Krux an der Sache ist jedoch, dass man normalerweise nur eine Wohnung mieten kann, wenn man ein Bankkonto hat. Catch 22 sozusagen. Wir haben ein bisschen getrickst, und alles ist gut jetzt. Das einzige, was ich der HSBC Bank noch uebel nehme ist, dass ich in der Filiale nicht aufs Klo gehen durfte, weil es fuer “Premium” Kunden reserviert war. Tut uns leid Frau Laimer, sie haben keine 50 000 auf ihrem Konto und verdienen nicht 100 000 im Jahr, sie muessen leider ins Kaufhaus gegenueber zum Pipimachen gehn. Kein Schmaeh!
Morgen geht der neue Job bei Double Negative los und morgen abend werden wir zum ersten Mal in unserem neuen Heim uebernachten. Die Wohnung ist winzig aber suess, in einem verratzten 30er Jahre Gebaeude in Angel, innen aber komplett neu renoviert mit knallroter Eingangstuere, wo die Post noch durch den Briefschlitz reinflattert, und Bluemli unterm Kuechenfenster. Mit Tube oder Bus zur Arbeit dauert’s “nur” eine halbe Stunde, fuer Londoner Verhaeltnisse ein Katzensprung. Ich denke wir werden uns wohlfuehlen und bin gespannt, wie lange unser Aufenthalt hier diesmal sein wird.
Die gefuehlte Naehe zu daheim und die Vorteile der EU (funktionierendes Online Banking, kein Arbeitsvisum, kein Zoll beim Postpaket, fast keine Zeitverschiebung, telefonieren ohne Verzoegerung bei Skype, Preisschilder beim H&M in Pfund und Euro,…) in Verbindung mit guten Arbeitsmoeglichkeiten sprechen schon sehr dafuer, hier etwas laenger zu bleiben.
Mal sehen, ab wann uns der Grossstadtrummel auf die Nerven geht…
Celebration of Light
Freitag, Dezember 11th, 2009Geschrieben von Beans
Nach nun fast 8 Monaten ist meine Arbeit hier in Kanada getan. Morgen geht mein Flieger zurueck nach Oesterreich, in die verdienten Weihnachtsferien und nach insgesamt 17 Monaten unterwegs zum ersten Mal wieder nach Hause zur Mama.
Die letzten Wochen waren besonders turbulent, doch der Film ist fertig (”Invictus” kommt morgen in die Kinos), die Augen sind gelasert (ich blogge ab jetzt brillenlos) und die Koffer sind gepackt. Vor zwei Wochen haben wir uns noch einen kleinen Traum erfuellt und einen 2000km Roadtrip durch die Rocky Mountains gemacht, der Bericht dazu folgt in Kuerze. Soviel vorweg, kanadische Bergziegen lecken gerne Streusalz von fahrenden Autos.
Bevor ich mich vom Acker mache moechte ich noch allen, die erwaegen Vancouver im Sommer zu besuchen, ein ganz besonderes Event ans Herz legen.
Jedes Jahr Ende Juli veranstaltet die Stadt das “Celebration of Light” Festival, bei dem drei verschiedene Nationen jeweils ein großes, zu Musik choreographiertes Feuerwerk ausrichten. An 4 Abenden werden jeweils eine halbe Stunde lang die Raketen von einem Schiff in der English Bay abgefeuert und jedes Mal versammeln sich rund 2 Millionen Menschen am Strand und unzaehlige kleine Boote in der Bucht, um das Spektakel zu beobachten.
Das zweite Feuerwerk war dieses Jahr besonders spektakulaer, da an diesem Abend eine riesige Gewitterfront an Vancouver vorbeizog und sich der Himmel beim Sonnenuntergang von tuerkisgruen ueber violett und rosa in das grellste Orange faerbte, das ich je gesehen habe. Simultan zu den Raketen zuckten massive Blitze ueber den Horizont und unser Balkon war der perfekte Aussichtspunkt zum Fotografieren.
Mit diesem Sonnenuntergang verabschiede ich mich aus Vancouver.

Foto: Joerg Baier
Vancouver Island II
Sonntag, November 8th, 2009Geschrieben von Beans
Ich fuehlte mich sofort so wohl, wollte garnie wieder weg. Alles roch nach frischem Holz, die Rehe grasten in der Wiese und ueber dem Fjord lag eine wunderbare Stille, die nur von ein paar Vogelgespraechen unterbrochen wurde.
Der Hausherr – Herr Bird – brachte uns noch frischen, selbst marinierten Lachs vorbei, der sofort auf den Grill kam und wahrscheinlich der beste Lachs war, den ich jemals gegessen habe. Wir saßen noch lange nachdem die Sonne ueber Bird’s Bay untergegangen war draussen auf der Terrasse und sahen dem Lagerfeuer zu, bis wir verdaechtige Geraeusche im Gebuesch hoerten. Wir waren darueber informiert worden, dass Ucluelet Baeren Territorium ist, und die Menschen hier friedlich mit den Tieren zusammen leben, solange jeder seinen Respektabstand einhaelt. Die Gaeste vor uns hatten angeblich regelmaeßig Besuch von einem Schwarzbaeren, der am Strand entlang die Beeren von den Bueschen abknibbelt. Wir waren auch ganz heiß darauf, einen echten Baeren in freier Wildbahn zu sehen, besannen uns aber dann doch auf den Respektabstand und hatten es ploetzlich sehr eilig, ins Haus zu kommen. Der Baer hat sich uns leider nicht gezeigt, moeglicherweise war der Geraeuschmacher auch nur ne Maus…
Der naechste Morgen begann mit einem Reiher im Nebel und in original kanadischem Ahornsirup ertraenkten Pancakes. Dann starteten wir unser Raumschiff und fuhren zum Pacific Rim National Park, der zwischen Ucluelet und Tofino liegt und zum großteil aus Wald besteht. Aber keinem normalen Wald, sondern Regenwald, der aussieht wie vor 3 Millionen Jahren Waelder ausgesehen haben muessen. Da gibts keinen Foerster der ausduennt, pflegt und frisiert, sondern da fallen die Baeume nach Lust und Laune kreuz und quer um und bleiben so lange liegen bis sie zu neuem Waldboden verrottet sind. Ich haette mich nicht gewundert, wenn ich einem Dinosaurier begegnet waere. Das Gruen der Pflanzen geht schon fast Richtung Neon und die Luft ist so klar, dass einem fast schwindelig wird.

Tofino (Foto: Joerg Baier)
Neu geerdet ging’s weiter nach Tofino, dem kleinen Hippie-Surfer Dorf, zu unserem Hauptprogrammpunkt: whale watching. Trotz Nebel und schlechten Prognosen wollten wir unbedingt unser Glueck versuchen, einmal einen Wal in Echt und ohne Mattscheibe zu sehen. Also buchten wir bei Jamie’s Whaling Station einen Trip mit dem Zodiac, wurden in rote Armageddon Schutzanzuege gesteckt und von Tony, unserem braungebrannten Skipper mit der Gucci Sonnenbrille darueber informiert, dass man mit Rueckenproblemen nicht mitfahren duerfte. Was genau er damit meinte, wurde uns klar, als er den Gashebel fuer seine zwei 250 kubik Motoren umlegte und wir mit 60 mpH ueber die Wellen in den Nebel donnerten.
Die rasante Blindfahrt wechselte mit jeder Welle zwischen einem Moment der stillen Schwerelosigkeit gefolgt von einem harten Aufprall, euphorischem Jubelgeschrei nachdem man festgestellt hatte, dass der Ruecken noch heil war und einem langgezogenen “Oooohhhh” sobald das Zodiac den naechsten Wellenberg hochschoss.
Als wir endlich gut geschuettelt, nicht geruehrt im Clayoquot Sound angekamen, machte Tony die Motoren aus und wir starrten alle gebannt auf die Wasseroberflaeche.
PPPFFFFFFFFFFFFFFF blies der Grauwal seine Fontaine keine 10 Meter von unserem Boot entfernt in die Luft, atmete noch dreimal tief durch und tauchte wieder ab, um weiter den Meeresboden nach Krill abzugrasen. Das Schauspiel wiederholte sich alle 5-7 Minuten und das Zodiac mit den 10 knallroten Maennlein drin war ihm dabei voellig schnuppe. Wir beobachteten in großer Ehrfurcht.

whale watching (Foto: Joerg Baier)
Der Nebel riss auf und Tony fuhr mit uns an einen anderen Spot, wo ein Buckelwal gerade dabei war, einen Fischschwarm fuers Abendessen zu jagen. Die Tour dauerte insgesamt fast 3 Stunden und wir sahen noch witzige kleine Seeotter, einen faulen Seeloewen und ein Weißkopfseeadler Ehepaar mit kleinen Piepsis im Horst.
Auf der Rueckfahrt nach Ucluelet machten wir noch einen Zwischenstopp am fast menschenleeren Long Beach und beobachteten die Surfer im Sonnenuntergang.
Nach einem letzten Spaziergang entlang der zerkluefteten Kueste ging’s am naechsten Morgen wieder zurueck nach Port Alberni. Moritz’ Auto war immer noch nicht repariert, also mussten wir die Faehre von Nanaimo nach Horseshoe Bay als Fusspassagiere nehmen. Auf halber Strecke sprangen ploetzlich alle Fahrgaeste von ihren Sitzen auf und wedelten und deuteten wie wild nach draussen. Grund der Aufregung war eine Schule von ca. 100 Delphinen, die im letzten Licht der untergehenden Sonne das Fahrwasser der Faehre kreuzte.
Mit diesem Bild im Kopf sitze ich jetzt wieder in unserer Wohnung in Downtown Vancouver und grueble darueber nach, wie ich es am besten anstelle, einmal meine eigene Holzhuette am See zu haben. Aber eine aehnliche Ruhe wie in der kanadischen Pampa werde ich wohl in Europa nirgends finden, und vor allem muesste es eine Holzhuette mit highspeed Internet sein…

- Long Beach (Foto: Joerg Baier)
Vancouver Island I
Freitag, Oktober 30th, 2009Geschrieben von Beans
Unser erster laengerer Ausflug hat mir nicht nur das echte Kanada gezeigt, sondern mir ist auch klar geworden, wie ich einmal mein Leben verbringen moechte. Ein etwas utopischer Traum vielleicht, aber das haben schon viele Leute vor mir gedacht und dann hat’s doch geklappt.
Wir hatten den Freitag nach dem Canada Day frei, also starteten Kumpel Moritz, Joerg und ich fruehmorgends in Motz’s F150 Pickup los Richtung Horseshoe Bay. Die Sonne schien, der Kaffee war heiß und wir waren gespannt auf die “Ueberraschung”, die Moritz fuer uns gebucht hatte.
Von Horseshoe ging die Autofaehre rueber nach Nanaimo auf der Ostseite von Vancouver Island. Die Ueberfahrt dauerte etwas mehr als eine Stunde, vorbei an vielen kleinen Inselchen, und vom Sonnendeck aus sah man Vancouvers Hochhaeuser weit hinten im Dunst verschwinden.
Von Nanaimo wollten wir direkt die Insel queren und an die Westkueste nach Tofino fahren, eine Strecke von ca. 150km. Mit frischem Kaffee im Becher, Muffins und selbstgeschmierten Broetchen im Bauch und AM country Radio saßen wir zu dritt nebeneinander auf der Bank des Pickups, verbrauchten 20 Liter Sprit auf 100km und waren guter Dinge. Bis ploetzlich auf halber Strecke kurz vor Port Alberni das Auto anfing, komische Motoraussetzer zu haben, die immer haeufiger wurden bis schließlich der Motor komplett ausging und wir von der Straße ab auf einen Parkplatz ausrollten. Ein lustiger Zufall, dass genau dieser Parkplatz zu einem Canadian Tire (ein Baumarkt fuer Fahrzeuge mit Werkstatt) gehoerte, von denen es vielleicht insgesamt 3 auf der 32 000 qkm großen Insel gibt. Zwischen Port Alberni und Tofino gibt’s 70km lang nur Wald und kein Handynetz, also hatten wir Glueck im Unglueck, dass uns die Karre genau dort verreckt ist.
Wir verbrachten dann 4 Stunden auf besagtem Parkplatz, in der Hoffnung, dass die Jungs vom Canadian Tire unser Auto wieder zum Laufen kriegen. Waehrend wir warteten krachten auch noch zwei Pickups auf unserer Glueckskreuzung ineinander, Totalschaden.
Das Auto wurde natuerlich nicht fertig repariert, also riefen wir ein Taxi, das uns zu Budget bringen sollte, damit wir wenigstens mit einem Mietwagen weiterfahren konnten. Wir waren kaum 500m mit dem (zugegeben nicht mehr ganz jugendlichen) Taxi gefahren, als ploetzlich die Beschleunigung nicht mehr funktionierte und wir mitten auf der Kreuzung fast zum stehen kamen. Die beleibte Taxifahrerin war sich sicher, dass wir verflucht sein mussten.
Wir schafften es dann im Schritttempo doch noch bis zu Budget und stiegen auf eine strahlendweiße Toyota Hybrid Limousine um, die sich nach dem alten Pickup und dem verlotterten Taxi anfuehlte wie ein Raumschiff.
Jetzt konnte der Urlaub losgehen. Mit dem Cinematic Orchestra aus dem Ipod (nicht mehr ganz so authentisch wie AM Radio, aber mei, wir haben’s ja versucht) schwebten wir umweltfreundlich und geraeuscharm durch Waelder und Flusstaeler nach Ucluelet, dem weniger touristischen Nachbardorf von Tofino. Moritz hatte uns nicht verraten, welche Unterkunft er fuer uns gebucht hatte, und mir verschlug es fast die Sprache, als ich sie sah: die Huette am See…

Bird's Bay

Huette am See
Fortsetzung folgt!
Canada Day
Freitag, Oktober 9th, 2009Geschrieben von Beans
Happy Canada Day! Joyeux Fête du Canada!
Nein Quatsch, heute ist garnicht Canada Day, der war doch schon am 1. Juli. Nachdem ich aber zur Zeit nur mehr am Arbeiten bin und sich nichts Spannendes tut, muss ich auf alte Geschichten zurueckgreifen.
Man schreibe den 1. Juli des Jahres 2009. Mit einem großen Feuerwerk, das wir vom Balkon unserer neuen Wohnung im 28. Stock aus sehen konnten, feiert Vancouver den 142. Geburtstag Kanadas. Aber ich fange mal ganz von vorne an:
Nachdem unsere Firma nach unserer Ankunft nur 2 Monate lang die Wohnung sponserte, mussten wir uns um eine neue Bleibe umschaun. Dank unserer schon zur Perfektion ausgereiften Umzugsskills mussten wir nur eine Woche lang intensiv Craigslist durchforschen, und nach ein paar Besichtigungen hatten wir auch schon ein ziemlich schoenes und erschwingliches 1-Zimmer Apartment in Yaletown gefunden, mit Blick ueber ganz Downtown von Ost bis West. Der Besitzer ging fuer ein halbes Jahr geschaeftlich ins Ausland und hatte uns alles ueberlassen, vom 47″ flatscreen TV bis zu seinen dreckigen Socken in der Schublade. 2 Wochenenden mussten wir ausmisten, umpacken und schrubben, aber danach war alles pikobello und der allabendliche Sonnenuntergang ueber der English Bay entschaedigte den Aufwand. Wie hier in allen Wohnhaeusern ueblich, hat auch unseres eine Sauna, ein Dampfbad und einen Fitnessraum, und letzteren nutze ich auch regelmaeßig (es lebe der Cross Trainer!). Habe mir dafuer extra wunderbar haessliche Laufschuhe gekauft, wie es sich gehoert in besonders aerodynamischem Neongelb.
Wir waren endlich fertig eingenistet, hatten alle administrativen Dinge erledigt wie Krankenversicherung und Sozialversicherungsnummer, hatten den obligatorischen Trip zum Ikea hinter uns gebracht und (wiedermal) ein Bankkonto eroeffnet.
Oh mein Gott ist das Bankensystem hier veraltet!!! Die Leute zahlen hier immer noch alles mit Schecks, und um online eine Ueberweisung durchfuehren zu koennen muss man vorher einen void (ungueltig gemachten) Scheck des Empfaengers per Post an die Bank schicken, damit die die Kontodaten davon abtippseln und fuer Transaktionen in ihrem System freischalten koennen. Ich glaube, wenn ich das Geld selber drucke und bar zu Fuß vorbeibringe bin ich noch schneller…
Das einzig Gute ist, dass die Telefonhotlines hier im Gegensatz zu Deutschland funktionieren und man die Bank rund um die Uhr anrufen und seine Bankgeschaefte mit einem zwar nicht immer vollends kompetenten, aber dafuer abartig freundlichen Callcenter Menschen in Indien abwickeln kann.
Die generelle Freundlichkeit der Kanadier (von Frauen mittleren Alters abgesehen, die sind eher… “resolut” ist glaub ich das richtige Wort) hat was sehr Amerikanisches, und das hat mich anfangs schon etwas irritiert. Wenn mir in Deutschland eine Verkaeuferin an der Kasse laechelnd einen schoenen Tag wuenschen oder der Busfahrer sich dafuer bedanken wuerde, dass ich meine Fahrkarte dabei habe, kaeme in mir doch sofort der Verdacht auf, dass die was im Schilde fuehren. Wildfremde Menschen grueßen im Fahrstuhl oder plaudern sogar, und der Bettler vorm Supermarkt sagt mir ich soll doch mal laecheln… Ich bin gerade dabei, mein vielleicht in den europaeischen Genen verankertes, grundsaetzliches Misstrauen gegenueber anderen abzulegen, die Mundwinkel nach oben zu pinnen und mir ein handfestes “Hi, how’s it going” anzugewoehnen. Auch wenn das alles nur oberflaechlicher Smalltalk sein mag, finde ich erleichtert es den Umgang mit den Mitmenschen schon sehr und man fuehlt sich nicht so wie ein verbitterter Tschoermen.
Am 1. Juli 1867 war also die Geburtsstunde Kanadas, als sich 4 Provinzen zu einem Staat vereinigten. Heute besteht Kanada aus 10 Provinzen und 3 Territorien, ist nach Russland das zweitgroeßte Land der Erde und hat insgesamt (aber nur) ca. 33 Millionen Einwohner. Kanada ist außerdem offiziell Zweisprachig, ca. 60% der Menschen geben ihre Muttersprache als Englisch an, ca. 25% sind Franzoesisch und der Rest kann sich nicht so recht entscheiden.
Alle Produkte sind in beiden Sprachen etikettiert, was den Text meistens ziemlich unuebersichtlich macht, und im Fernsehn laeuft jede Menge frankokanadisches Programm, das so dreckig gesprochen wird, dass man ungefaehr so viel versteht wie ein Berliner in Bayern. Ich finde das aber alles total toll, denn vielleicht kann ich waehrend ich hier bin alles Franzoesische unterbewusst in mich aufsaugen und daheim spreche ich dann ploetzlich perfektes Fou de Fa Fa…
Das Beste am Canada Day war, dass es wie jedes Jahr bei uns in der Arbeit ein rooftop BBQ gab, wo der Chef persoenlich die Burger brutzelte, und wir den Freitag frei und somit ein langes Wochenende hatten. Zusammen mit unserem Kumpel Moritz starteten wir einen 3-Tagesausflug nach Vancouver Island und wollten stilecht im Fort F150 Pickup die Umgebung um Tofino erkunden. Ob wir dabei einen Baeren gefunden haben, erfahrt ihr beim naechsten Mal…
September Sessions
Montag, September 28th, 2009Geschrieben von Beans
Es herbstelt. Wir haben die Ikea Bettdecke Staerke 1 gegen Staerke 3 eingetauscht (spaeter kombinierbar zu Staerke 4, ein geniales Konzept), der Wind blaest Baeume um (die dann auf Autos landen) und es riecht nach Laub im Wald. Nach einem uebersprungenen Winter ein ganz neues Gefuehl, und ich wuerde am liebsten jetzt schon auf den Christkindelmarkt gehn und Gluewein trinken.
Die Tage werden schon deutlich kuerzer und ich komme wegen der sich haeufenden Ueberstunden selten bei Tageslicht aus der Firma raus. Es sind nur mehr 6 kurze Wochen bis Projektende und wir arbeiten nun auch samstags, was meinem Bankkonto wiederum recht gut tut.
Bisher ist das Wetter noch erstaundlich sonnig und mild, doch angeblich beginnt bald das Tratschwetter und ich bin verzweifelt auf der Suche nach wasserfesten Stiefeln. Warum hab ich nur meine Moonboots damals nicht nach Australien mitgenommen… ???
Stattdessen latsche ich meine Chucks zu Tode, und die wiederum sind der absolute Killer jeder Sockenferse. Ich habe deshalb meinen letzten freien Samstag fuer einen Besuch bei H&M genutzt, um mich mit neuen Socken einzudecken.
An dieser Stelle muss einmal gesagt sein, dass ich mich Dank Grosskonzernen wie H&M oder Ikea ueberall auf der Welt gleich wie zu Hause fuehle. Man weiss wo man suchen muss, wenn neue Snoopy Socken faellig sind, der Devided BH von der Waschmaschine zerfleischt wurde oder man die 1+3 Decke “Valmö” vermisst (und “Sven” ist sowieso bei jedem Umzug eine Pflichtanschaffung gegen heimliches Heimweh).
Am Weg zum Pacific Shoppingcenter lief ich mit der Septembersonne im Ruecken meine Lieblingsstrasse in Vancouver, die beruechtigte Granville Street, entlang und mir wurde zum ersten Mal bewusst, was den Charme meiner Nachbarschaft in Downtown ausmacht. Mit ihren 50er Jahre Style Venues mit Namen “Roxy”, “Vogue”, “Orpheum” oder “Plaza” ist die Granville purer Rock’n'Roll, mit ‘ner guten Portion Sex und Drugs. Nachts stehen die Clubber am “Penthouse” oder “Stonetemple” Schlange, und schraege Existenzen laufen Sinuskurven und fuehren dabei Selbstgespraeche. Samstag Nacht wird sogar ein ganzes Strassenstueck fuer den Verkehr gesperrt, wahrscheinlich um die Partypeople davor zu bewahren, im Halbdilirium nicht versehentlich ueberfahren zu werden. Die narbigen Geschaeftsfassaden von Rockshops und 25cent Peep Shows werden jedoch schon von schicken Adidas, Quicksilver und Urban Outfitters Labels unterwandert, und der rauhe Flair der Granville muss langsam aber sicher einem aufgeraeumten pre-olympischen Downtown weichen. Sogar die alten Ahorn Baeume, die noch bis Anfang des Jahres die Strasse saeumten, mussten ihr Leben fuer eine neue Skytrain Station lassen.
Eigentlich mag ich ja beides – das Schraege und das Aufgeraeumte. In meiner “hood” Yaletown ist alles etwas juenger und hipper, mit sauberen Buergersteigen und Glashochhausern und Organic Supermaerkten. Die DINKS (double income, no kids) fuehren ihre kleinen Bluthunde (wenn man draufsteigt, bluten sie) auf den schmalen Gruenstreifen Gassi, das Poopie Bag immer griffbereit. Bei uns ums Eck an der Davie Street, meiner zweitliebsten Strasse in Vancouver, habe ich sogar ein ganz nettes Cafe gefunden, Sydney-stilecht mit taetowiertem hip-Kid Barista und Blume im Milchschaum. Jaaaa es gibt sie doch, die Alternative zum Antichrist Starbxxx. Das Problem ist nur, dass ich mich schon so an die bruehheisse Milchpansche im Riesenbecher gewoehnt habe, dass mir alles andere mittlerweile viel zu stark und zu wenig ist.**
Wo sich Granville und Davie Street kreuzen erstreckt sich eine grossartige Fressmeile mit multikulti/Fast Food Restaurants, die den Uebergang zwischen Yuppy Yaletown und dem Regenbogen farbenen Schwulenviertel im West End bildet. Zwischen 15 verschiedenen Sushi und Pizza Laeden und einem persischen Cafe, wo es davor immer so lecker nach Apfeltabak riecht, befindet sich das gloriose “Fritz Fries”, unter Nachtschwaermern beruehmt fuer die angeblich beste “Poutine” der Stadt. Diese french-kanadische Spezialitaet besteht aus Pommes mit Kaese und Bratensauce, und nach einer durchzechten Nacht fruehmorgends eingenommen verhindert sie jeglichen Kater (haben wir bereits erfolgreich getestet).
Wie ich da also letzten Samstag die Granville und Davie entlang heimlief, mit meiner grossen H&M Einkaufstuete in der Hand (natuerlich ist es nicht nur bei Socken geblieben…) und so nach rechts und links schaute, dachte ich mir, dass ich Vancouver eigentlich schon recht gern mag. Ich habe mich an ihre kleinen Macken gewoehnt und sehe die innere Schoenheit durchblitzen. Vielleicht wird mir das alles gerade deshalb bewusst, weil unser Abreisetermin feststeht und ich jetzt weiss, dass ich nur mehr 11 Wochen hier sein werde.
Bald hat mich das Muehl4tel wieder, die Fluege fuer Dezember sind schon gebucht, und ich werde nach fast 1,5 Jahren wieder daheim sein! Ich freu mich schon so… !!!
**Ich sitze auch jetzt, waehrend ich diese Zeilen schreibe, auf einem unbequemen Holzstuhl bei dem, dessen Name nicht genannt werden darf, aber nur deshalb, weil ich hier mit meiner Starbucks Card gratis ins Internet kann und Coldplay laeuft.
heavens and horses
Donnerstag, September 17th, 2009Geschrieben von Beans
Seltsam, dass man sobald man im Ausland lebt, einen konstanten Unternehmungszwang verspuert. Ich habe das staendige Gefuehl, meine knappe Freizeit nutzen zu muessen, um so viel wie moeglich von dem Ort zu sehen. Jedes Wochenende, an dem ich auf der Couch herumdaddle, plagt mich ein enervierendes schlechtes Gewissen. Manchmal hoffe ich sogar auf schlechtes Wetter, um eine Ausrede fuer’s Nichtstun zu haben. Zu Hause jedoch vergehen oft Monate ohne nennenswerte Unternehmungen, obwohl es jede Menge Dinge zu sehen oder zu tun gaebe. Der Grund ist wahrscheinlich das Bewussstsein, dass die Zeit auf Reisen begrenzt ist und man glaubt, nie wieder dahin zurueck zu kehren. Was stimmen kann, muss aber nicht. Joerg und ich haben zur Sicherheit eine Liste gemacht mit Dingen, die wir hier noch unbedingt machen wollen, und die Liste ist lang und die Wochen fliegen dahin. Das verregnete lange Labour Day Wochenende, an dem wir eigentlich nach Whistler zum Wandern und Downhill Biken fahren wollten, hat uns in der Abarbeitung zurueckgeworfen, aber an den zwei Sonntagen davor konnten wir jeweils einen Punkt abhaken: Skydiving und Horseback Riding.
Ich hatte Joerg zum Geburtstag einen Tandem Fallschirmsprung geschenkt. Eigentlich wahnwitzig, dass jemand freiwillig seine ungeborenen Babies einem straff geschnuerten Harnisch opfert, um mit einer laecherlichen Eierkopfmuetze in 4000m Hoehe aus einem Flugzeug zu springen. Nach 50 Sekunden Euphorie im freiem Fall und 5 Minuten entspannter Zweisamkeit am Schirm kam er zum Glueck heil unten an, wobei wir das mit den Babies im Moment noch nicht verifizieren koennen.
Eine Woche spaeter fuhren Joerg und ich mit zwei Freunden nach Mission zum Reiten. Auf der Fahrt dahin kamen wir in Spuckreichweite der US Grenze und haetten zu gern einmal kurz das gelobte Land betreten, doch dank der terrorsicheren Einreisebestimmungen werde ich mit meinem DNA-losen oldschool Oesi-Reisepass vorerst leider nicht naeher an Amiland herankommen.
Am “Mustang Riding Stable” bekam Hoppareita Neuling Joerg eine kurze Einfuehrung in die Kunst des Westernreitens und danach ging es sofort raus auf einen 2-stuendigen Trail durchs Gebuesch. Mein 4-beiniger Untersatz Diego (oder “living vehicle” wie der Besitzer es in der Einfuehrung so schoen formulierte) war halb Vollblut halb Araber, was durchaus eine teuflische Mischung sein kann, doch fuer mich als alte Reiterbraut war das natuerlich kein Ding. Alle Tiere waren ausserdem extrem gut ausgebildet und zuverlaessig, manche davon hatten sogar schon in Filmen mitgespielt und sahen Explosionsstunts und schrille Singh Hochzeiten als willkommene Abwechslung im Pferdealltag. Wir hatten deshalb ausser einem wunden Popo keine groeberen Verluste zu verzeichnen, nur Rottweiler Thyson jedoch war am Ende nicht mehr ganz so fit. Er war mitgelaufen, um “seine” Pferde vor zu schnellen Autos zu beschuetzen (indem er einfach mitten auf der Strasse stehen blieb), und war nach den 2 Stunden in Staub und Hitze kurz vorm Abnippeln und keuchte wie ein altes Saegewerk.
Dieses Wochenende konnten wir dank sonnigen 26 Grad einen weiteren Punkt von unserer Liste streichen: einen Ausflug nach Bowen Island… aber davon, liebe Kinder, erzaehle ich beim naechsten Mal!
Bei die Fische… III
Sonntag, September 6th, 2009Geschrieben von Beans
Da sass ich also, in 30m Tiefe blind und einsam, umgeben von einer Wolke aus Schlick. Komischerweise hatte ich in dem Moment ueberhaupt keine Angst und konnte total klar denken. Ich dachte mir, da ich sowieso nichts machen kann und Mike sich bestimmt um N. kuemmert, bleibe ich lieber mal da wo ich bin und ueberlege mir, ob ich was vom Tiefenrausch merke oder nicht. Irgendwann wuerde mich schon jemand abholen kommen. Im Nachhinein betrachtet war wohl genau dieses Sicherheitsgefuehl ein klassisches Beispiel fuer ein Narkosesymptom!
Nach ein ein paar Minuten packte mich dann ploetzlich ein Arm und zog mich ein Stueck den Hang hoch aus der Wolke raus, wo ich dann sogar noch die Aufgabe (richtig) gerechnet habe. Leider kam die Zeitstoppuhr bei dem ganzen Chaos zu kurz und die andern haben alle mein Ergebnis abgeschrieben.
Der richtige Wrack-Tauchgang kam dann danach und unsere Aufgabe war es, eines der beiden anderen Schiffe, die “Granthall” zu umschwimmen, in Tempi zu vermessen und so gut wie moeglich auf unsere kleine Schreibetafel aufzuzeichnen. Als Bestanden galt, wenn man mehr als eine krumme Wurst zustande brachte. Jahaaa, ihr lacht jetzt bestimmt, aber versucht mal Unterwasser mit einem Sichtwinkel von gefuehlten 15 Grad in Schihandschuhen ein Stilleben zu fabrizieren. Wird eher ein Picasso als ein Da Vinci sag ich euch.
N. und ich leisteten gute Arbeit, zeichneten sogar potentielle Gefahrenstellen und auffaellig grosse Seegurken ein und leuchteten bei der Untersuchung des Rumpfs aus Versehen einem genervten Kabeljau mitten ins faustgrosse Auge.
Alles lief gut, jedoch kein Tauchgang mit N. ohne grosses Drama: Am Weg zurueck zum Strand, als das Wasser seichter wurde und die Luft in den Anzuegen begann sich wieder auszudehnen, bekam die Arme zu viel Auftrieb in den Beinen und begann kopfueber nach oben zu driften. Ich versuchte noch, sie wieder nach unten zu ziehen, wurde aber dann selbst mit nach oben gezogen. Als alles Bemuehen keinen Zweck mehr hatte gaben wir das Zeichen zum Auftauchen, ich liess ihre Hand los und sie schoss ab die Post nach oben und ward nicht mehr gesehn. Als pflichtbewusster Tauchbuddy musste ich ihr natuerlich folgen, jedoch vorschriftsmaessig langsam und mit 3 Minuten Sicherheitsstop in 3 Metern Tiefe (um meine Lunge nicht zu ueberdehnen und keine Probleme bei der Dekompression zu kriegen). So hing ich da allein im gruenen Nirgendwo, wusste nur dass hell oben und dunkel unten ist und hoffte, dass mich die Stroemung nicht zu weit abtreiben wuerde. Als ich endlich den Kopf wieder ueber Wasser hatte war ich ca. 100m von N. entfernt, die schon locker flockig auf den Strand zuschwamm und meinte, ich haette ja unten bleiben koennen, sie waere dann einfach meinen Blubberblasen an der Oberflaeche gefolgt. Eine Aussage, die die allererste und wichtigste Tauchregel – niemals alleine tauchen – voellig negiert (und ja, wir reden hier von einem “Advanced” Tauchkurs).
Als fuenfter und letzter Tauchgang zum AOWD stand Nachttauchen am Programm. Da mich beim Schwimmen nachts im Pool normalerweise immer panische Angst vor Haien ueberkommt (so absurd das auch klingen mag), war ich auf alles zwischen Pipi inne Hose und totalem Freak out gefasst. Doch es kam ganz anders. Das Wasser war glasklar und unsere Taschenlampen erhellten den Meeresboden fast wie am Tag. Dadurch, dass der Fokus nur da lag, wo man auch aktiv hingeleuchtete, sah man aber viel mehr kleine Details und erschrak kurz, wenn mal wieder eine Krabbe bei ihrem naechtlichen Rundgang aus Versehen ins Rampenlicht lief. Irgendwann bedeutete uns Tauchlehrer Mike, unsere Lampen auszumachen. Wir warteten im Sitzkreis im Dunkeln und wussten nicht recht, was das nun sollte, als er ploetzlich wie wild mit der Hand herum zu fuchteln begann. Mir kam kurz der Gedanke eines sperrangelweit geoeffneten Haimauls hinter mir, doch dann sah ich die winzigen gruengelben Funken, die aus Mikes Hand zu spruehen schienen – bioluminiszenter Krill. Wenn diese kleinen Lebewesen durch das Wedeln mit der Hand aufgeschreckt werden gluehen sie als Abschreckmechanismus wie winzigliche Gluehwuermchen. Ich versuchte es auch mit fuchteln und ging damit wahrscheinlich ein paar Hundert Krills furchtbar auf die Nerven, denn auch fuer mich begann das Meer zu leuchten.
Eine halbe Stunde spaeter entstiegen wir lautlos dem schwarzen Wasser wie die Navy Seals beim Ueberraschungsangriff und nur die gedaempften Strahlen unserer Taschenlampen unter Wasser verrieten unsere Position. Ich kam wir vor wie James Bond persoenlich. Connery versteht sich.
Somit hatten wir alle (sogar die liebe N.) den fortgeschrittenen Kurs bestanden. Als kleine Draufgabe machte ich eine Woche spaeter noch eine “Specialty” fuer Drysuit dazu, das heisst ich bin jetzt auch noch zertifizierte Drysuit Taucherin und darf mir damit solche Anzuege ueberall auf der Welt ausleihen.
Ich hoffe, ich habe noch ein paar Mal Gelegenheit hier in Kanada tauchen zu gehen, bevor der Winter kommt und ich leider stattdessen Snowboarden gehen muss…
Bei die Fische… II
Mittwoch, September 2nd, 2009Geschrieben von Beans
In Teil 1 habe ich schon von meinem nervenaufreibenden ersten Tauchgang erzaehlt, der ja nicht ganz so glamouroes war und mich ziemlich an mir selbst zweifeln liess. Der Tauchlehrer hatte aber Mitleid mit mir und schlug vor, die Pool-Lektion einfach nochmal zu versuchen, mit mehr Ruhe, besserer Gewichtung und einem Halsriemen, der kurz vor der Strangulierung dafuer sorgen sollte, meinen duennen Hals besser abzudichten. Und hey – beim zweiten Mal klappte erstaundlicherweise wirklich alles viel besser und ich konnte mich doch dazu durchringen, den Advanced Open Water Kurs im Meer zu versuchen.
4 Wochen spaeter.
Samstag morgen um 8 ging es mit tollen neuen Softshell Drysuits (kein sperriges Neopren sondern eine Art Schianzug mit leichter Plastikhuelle oben drueber und jungfraeulichen Latexdichtungen, aus denen nicht schon hunderte Koepfe geboren worden waren) nach Whytecliff, einer kleinen Bucht nahe Horseshoe Bay.
Fuer den Advanced Open Water Tauchkurs sucht man sich, zusaetzlich zu zwei obligatorischen, drei weitere der vielen Tauchspezialgebiete aus und absolviert dann je einen Tauchgang mit dem Thema entsprechenden Uebungen. Pflicht sind Unterwassernavigation (mit Kompass) und Deep (einmal bis ans erlaubte Tiefenlimit), und meine Kursgruppe hat sich auf Peak Performance Buoyancy (spezialisierte Auftriebstarierung (sagt LEO, komisches Wort “Tarierung”…)), Wracktauchen und Nachttauchen als Wahlfaecher geeinigt.
Los ging’s mit PPB, wo man mit Gewichten, Atmung und Luftverteilung so lange rumprobiert, bis man es schafft, in reg- und schwereloser Yogahaltung im liquiden Aether zu schweben. Leichter gesagt als getan. Zum Glueck ist Whytecliff eine relativ unbelebte Sandbucht ohne wertvolle Korallen, die ungelenke Flossenwedler wie wir definitiv kaputtgetreten haetten. So haben wir nur ein bisschen Sand aufgewirbelt und vielleicht den einen oder anderen Seestern bei seinem spannenden Tagesgeschaeft gestoert.
Es hat am Ende 17 Kilo Gewichte gebraucht, um mich gut austariert ueber dem Boden zu halten, und diese 17 Kilo musste ich dann zusaetzlich zum Gewicht meiner Selbst und der restlichen Ausruestung nach jedem Tauchgang vom Strand zurueck zum Auto schleppen, wo die Sauerstoffflaschen getauscht und unsere Sachen verstaut wurden. Ungluecklicherweise lag der Parkplatz auch noch auf einem Huegel, und am Ende des Tages war ich mindestens 10cm gestaucht.
Beim Nav Tauchgang ging es unter anderem darum, mit Hilfe eines Kompasses ein Quadrat zu schmimmen und im besten Fall wieder da anzukommen, wo man losgeschwommen ist. Diese Uebung ist wichtig, um bei schlechter Sicht oder im Dunkeln nicht verloren zu gehen. Naja, ich sag mal ich bin zumindest nicht in der naechsten Bucht rausgekommen, aber mein Quadrat hatte mehr was von ‘ner ellipsoiden Raute und ich kam vernachlaessigbare 5 bis 25 Meter abseits des Startpunktes wieder an. Daran hatte aber natuerlich die Stroemung Schuld, nicht meine mangelnde Naviagationsfaehigkeit! Immerhin noch besser als das Quadrat meiner Tauchpartnerin “N.” (ich nenne keine Namen…), das war genauso wie ihr Verstaendnis vom Umgang mit einem Kompass – ein grosses Fragezeichen.
Fuer Deep und Wreck gings am Sonntag noch ein Stueck weiter noerdlich nach Porteau Cove, wo 3 Schiffswracks versenkt wurden, die Tieren und Tauchern nun als Tummelplatz dienen. Vor dem Tieftauchen musste jeder eine kleine Rechenaufgabe auf Zeit loesen, die dann in 30m Tiefe wiederholt werden sollte. Dabei kann es passieren, dass man entweder viel laenger braucht beim Rechnen, oder die Aufgabe komplett versemmelt. Grund dafuer ist die sogenannte Stickstoffnarkose, auch bekannt unter Tiefenrausch. Unter groesserem Druck steigt einem der Stickstoff aus der Atemluft zu sehr ins Hirn und kann aehnliche Symptome hervorrufen wie bei einem leichten Damenspitzerl, sprich langsamere Reaktion und erhoehtes Sicherheitsgefuehl. Im Grunde ist das nichts Schlimmes (trainieren wir ja jeden happy friday at beer o’clock), selber merkt man davon meistens nichtmal was und wenn man auftaucht ist alles wieder weg. Je tiefer man aber taucht, desto problematischer kann der Rausch werden. Es gibt Geschichten von Leuten, die dann in 50m Tiefe am Meeresboden aus lauter Spass ein Taenzchen aufgefuehrt haben oder – was dann wirklich gefaehrlich wird – ihre komplette Ausruestung ausgezogen haben weil sie glaubten sie waeren ein Fisch.
Um dieses Gefuehl unter sicheren Rahmenbedingungen einmal kennenzulernen, um dann im Fall der Faelle richtig damit umgehen zu koennen, sollten wir also da unten rechnen.
Wir wurden vorgewarnt, dass der Meeresboden ziemlich schlammig sein wuerde und wir uns sehr vorsichtig hinknien sollten, um so wenig Schlick wie moeglich aufzuwirbeln. In 30m ist es ohnehin schon ziemlich dunkel und eine undurchsichtige Dreckwolke waere dann auch nicht gerade hilfreich.
Mit diesem Hinweis im Kopf starteten Tauchpartnerin N., die sich leider mehr und mehr als talentfreie Taucherin bewies, und ich einen langen und anstrengenden Schwumm raus zur mittlersten Boje, die das Wrack der “Centennial” markierte. Ich hatte bis dahin noch nie ein Schiffswrack in Echt gesehn, und bin kurz mental vom Stuhl gefallen, als sich mir beim Abtauchen am Ende der Kette ein grosses rostiges Etwas naeherte. Leicht desorientiert haette ich mich fast durch ein Loch im Deck gleich bis ins Innere abgeseilt, was ich aber im letzten Moment noch verhindern konnte. Das Wrack lag wie man sich’s vorstellt gespenstisch und nur auf ein paar Meter sichtbar in der gruenen Suppe und wurde von vielen kleinen Fischen, Seegurken und den Seelen der toten Seemaenner bewohnt. Naja letzteres nicht unbedingt, aber wer weiss… ?
Wir tauchten am Rumpf entlang zum Heck, und von dort aus weiter in die Tiefe, vorbei an Gaerten gigantischen Blumenkohls (oder wie Nemo sagen wuerde: Anem… Anemanem… Anemonen) bis zu unserem Zielpunkt fuer die Mathestunde.
Und dort passierte es. Wie angeordnet versuchten wir uns ganz vorsichtig hinzuknien, doch auf dem schraegen Boden verlor N. das Gleichgewicht und somit die Kontrolle ueber ihren Auftrieb, kippte um, machte einen Purzelbaum, strampelte dabei noch ganz viel und schaffte es innerhalb von wenigen Sekunden eine Sicht von 0 herzustellen. Ausser dem vagen, leicht panisch zuckenden Strahl der Taschenlampe unseres Tauchlehrers Mike sah ich nichts mehr…
Fortsetzung folgt…







