Camden Markets
Dienstag, März 9th, 2010Geschrieben von Beans
Ich habe bekanntlich eine gewisse Aversion gegen den gesellschaftlich auferlegten Shoppingwahn. Mir wird sogar insgeheim unterstellt, beim Thema Kleiderkauf eher der Mann in der Beziehung zu sein, jedoch waere sogar ich heute dazu geneigt gewesen, das Erbe meiner ungeborenen Kinder auf den Camden Markets gegen tausende retro trendy glitzi bitzi Wunderbarkeiten einzutauschen.
Ich hatte mir einen Plan zurechtgelegt, um mich nicht dem verfuehrerischen Kaufrausch kampflos hinzugeben, und mich nicht in dem Labyrinth aus Gaesschen voller Muss-ich-Haben zu verlieren. Mein erster Besuch im schraegen Camden Town vor ein paar Tagen hatte aufgrund der Reizueberflutung in mir ein Gefuehl der Panik ausgeloest, und ich verliess den Markt am Ende wieder, ohne etwas gekauft zu haben – unbefriedigt und voller Sehnsucht nach den schoenen Dingen, die nicht mir gehoerten.
Heute wollte ich es besser machen.
Meine anfaengliche Ueberforderung war darin begruendet gewesen, dass die Camden Markets eigentlich aus 5 Maerkten bestehen: Camden Market, Inverness Street Market, Camden Canal Market, Camden Lock Market und dem wunderbaren Stables Market. Auf den ersten Blick scheint das Angebot schier unendlich, und um alle Staende zu durchstoebern koennte man schonmal das ganze Wochenende kalkulieren. Hinzu kamen Horden von Menschen und Touristen (hab ich das gerade wirklich gesagt?), die sich gegenseitig von Stand zu Stand schoben.
Heute war ich extra frueh losgestartet, um zur Oeffnung des Markts um 10 Uhr an der Camden Town Tube zu sein, und wurde mit einer moderaten Anzahl von Besuchern belohnt. Ausserdem hatte ich schnell den repetitiven Charakter des aus Asien importierten Plagiats-Krimskramses bemerkt, der entlang der Highstreet und am Inverness Street Market neben Rockerramsch und London Souveniers (besonders begehrt: Maennerunterhose mit Eingriff, bedruckt mit “Mind the Gap”) verhoekert wird, und konnte mich so auf den richtig guten Stoff konzentrieren. Ich hatte meine Mission unter Kontrolle, das Ziel war schaffbar. Mein Plan war, maximal alles Bargeld in meinem Portmonnaie auszugeben, was sich auf ca. 45 Pfund belief. Keine Kartenzahlung, kein Geldoutomat.
Soweit reduziert und panikfrei schlenderte ich zuerst durch den Canal Market, wo halbierte Vespas als Sitzgelegenheiten zum Biertrinken am Kanal einladen. Der Regents Canal laeuft in Ost/West Richtung quer durch das noerdliche London und ist eine beliebte Spazier-, Lauf- und Fahrradstrecke (obwohl Fahrradfahrer bei Ueberholmanoevern auf dem schmalen, ungesicherten Weg sehr aufpassen muessen, nicht ins Wasser zu plumpsen). Er wird von vielen kleinen Hausbooten gesaeumt und erinnert ein bisschen an eine hollaendische Gracht.
An einem der idyllisch am Wasser gelegenen Buden lud mich eine chinesische Verkaufskraft mit “You can try ewrising” und einer ausladenden Handbewegung in ihr kleines Accessoir Eldorado ein. “Look, here is more, you can try ewrising” wiederholte sie unermuedlich ihren messerscharfen Verkaufsslogan. Als ich mich fuer eine huebsche Kette mit einer verdaechtig leichten Taschenuhr als Anhaenger interessierte, demonstrierte sie mir kurz, wie man Uhren auf chinesisch aufzieht: Man dreht eine halbe Umdrehung am Rad und bestraft die boesen Zeiger, die nicht gleich ticken wollen mit kraeftigen Schlaegen mit der flachen Hand. Sollte auch das nichts helfen, haengt man die offensichtlich defekte Uhr zurueck auf den Staender und nimmt eine Neue.
Ich entschied mich, der netten Dame lieber nichts abzukaufen, und machte mich auf den Weg zum Stables Market.
Potenziere die Bondi Markets mit Flohmarkt Vintage Heaven, verfeinere dies mit einer Prise Fetisch und einem Troepfchen Ethno, ruehre dreimal gegen den Uhrzeigersinn und streue noch etwas Loveparade oben drauf – und voila – schon stehst du mit offenem Mund in den Stables und weisst nicht mehr wie dir geschieht.
Die alten Stallungen aus dem spaeten 19. Jahrhundert beherbergen nun die Shops junger Designer, die original Dielen und das Kopfsteinpflaster geben dem Ganzen einen besonderen arty farty Flair. An jeder Ecke neue Gerueche, Musik, Farben. Die frueheren Pferdeboxen wurden in kleine Galerien, Verkaufsraeume fuer Second Hand Troedel aller Art, Moebel, Kleider und Schmuck oder sogar in Cafe’s umgebaut, und die Gassen zieren ueberdimensionale Bronzestatuen von Pferdekoepfen und galloppierenden Hengsten (und wir sprechen hier von monumentalen Cojones, sowas hast du noch nicht gesehen!).
Ein Paar Ohrringe, eine Kette, einen Ring, ein Huetchen und ein ausgestopftes Stofftierchen spaeter hatte ich alle Eindruecke in mich aufgesogen und mein Budget liess sogar noch einen Mittagsimbiss zu. Obwohl ich mir im Lock Market meine kuehnsten kulinarischen Traeume erfuellen haette koennen, lockte mich abermals ein knallharter chinesischer Verkaufstrick an eine der vielen Fressbuden. “Hello hello, flee tly, flee tly!!!” schallte es enervierend aus jeder der Buden entlang der Gasse, und die Verkaufsdamen streckten den Passanten Gabeln mit kleinen Happen zum Probieren entgegen. Ich konnte mir diese Verkaufstaktik nur damit erklaeren, dass wahrscheinlich hinter jeder Theke ein kleiner Mao mit der Peitsche wartete, falls nicht genuegend Lunchboxen ihre Abnehmer fanden. Eine besonders hartnaeckige “Flee tly” Dame bewarb auf einem Schild die Lunchbox “Mixed Everything” fuer 4 Pfund, was sich interessant anhoerte. Also trat ich einen Schritt naeher an die Theke, wurde ohne mich mehr wehren zu koennen sofort in den Sog der chinesischen Schnellverkoestigung gerissen, fried chicken yes, fried sweet and sour chicken yes, rice noodle half half yes und stand 5 Sekunden spaeter, mit einem Berg frittiertem Etwas mit Soße in der Hand, wieder in der Gasse.
Noch leicht benommen setzte mich an die schmale Kanalpromenade, waermte meine schon leicht rauhbereiften Finger an meinem “Mixed Everything” und genoss die erste Maerzsonne. Als ich da so saß, stuermten ploetzlich um Punkt 12 Uhr Mittag die Massen den Markt, und ich wusste, dass mein Soll erfuellt und es Zeit war, hier schnell zu verschwinden. Ich lief zu Fuß entlang des Kanals zurueck nach Angel, und war stolz auf mich und meine neuen Errungenschaften.








März 10th, 2010 at 14:42
Ich sitze frohlockend über Deinen Texten und finde Deinen Schreibstil immer wieder umwerfend:-D