Reiseberichte


Lappland – Ein Wintermärchen


Autor: Thomas Lingmann
Datum: Sonntag, Mai 17th, 2009

Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte 2009 teil. Am Ende des Berichts könnt Ihr Eure Wertung abgeben!

Eine Übersicht der teilnehmenden Berichte findest Du hier.



Mit meiner Frau Mira war ich in den Sommermonaten der vergangenen Jahre für meist mehrere Wochen mit Zelt und Fahrrad in den nordischen Regionen Europas unterwegs. Die Ruhe und Stille, die Weite und das Grün der Landschaften, die allgegenwärtigen Seen, die fast den ganzen Tag scheinende Sonne, all das und noch einiges mehr haben uns in den Bann gezogen und nicht mehr losgelassen. Bei unserem letzten Aufenthalt blieben wir für ein paar Tage auf einem kleinen Campingplatz im finnischen Teil Lapplands und lernten die dortige Pächterin näher kennen.

Wir saßen fast jeden nachmittag zusammen und erfuhren so aus erster Hand Interessantes über das Leben im hohen Norden, auch über die weniger schönen Seiten, die der »normale Reiseführer« gerne verschweigt. Hohe Arbeitslosigkeit, große Einwohnerfluktuation, mangelnde medizinische Versorgung waren nur einige Stichworte. Ein weiteres Thema waren die kalten, dunklen und tristen Wintermonate, die uns schon seit längerem beschäftigten. Wir konnten es uns nur sehr vage vorstellen, wie es sich in wochenlanger Dunkelheit und bei eisigen Temperaturen leben läßt. »Kommt doch einfach nächsten Winter vorbei«, folgte spontan die Einladung, die wir kurzentschlossen auch annahmen.

Anreise und herzlicher Empfang

Als nicht-aktive Autofahrer nutzten wir für die Anfahrt so ziemlich jedes sich bietende öffentliche Verkehrsmittel, das zur Verfügung stand. Morgens um sechs holte uns ein Taxi ab und fuhr uns zum Bahnhof. Von dort sind wir mit dem Zug zum Frankfurter Flughafen wo unser Flieger um halb zehn nach Helsinki abhob. Dort sind wir am frühen nachmittag bei -10 Grad angekommen. Mit dem Expressbus ging es weiter ins Zentrum der finnischen Hauptstadt.

Unser Zug nach Rovaniemi, der Hauptstadt der Provinz Lappland, ging um 19.30, also noch genügend Zeit bei einem warmen Kaffee das emsige Treiben zu beobachten. Auffallend waren die teilweise doch sehr dick eingepackten, im Eilschritt vorbei ziehenden Pasanten. Prompt tauchten wieder die ersten Zweifel auf. Reichten die mitgebrachten Jacken, Pullover, Hosen, Schuhe aus?  Hielten diese den strengen Anforderungen eines Winters im Norden stand? 

Unser eigentliches Ziel war eine Campinghütte in einer kleinen Ortschaft etwa 200 km nördlich des Polarkreises. Einer Hütte, die von den derzeitigen Betreibern des Campingplatzes noch nicht auf ihre wintertauglichkeit überprüft wurde. Also Freiwillige vor….

Die Nacht im Zug war kurz und unruhig. Entsprechend unausgeschlafen kamen wir kurz vor acht in Rovaniemi an. Der gefürchtete Kälteschock blieb aus. Wir waren weder augenblicklich steif gefroren noch stockte uns der Atem. Der Bus zur Weiterfahrt kam wenige Minuten später, mit dem wir gegen zehn einen weiteren Busbahnhof erreichten. Zwei Stunden später ging es weiter mit der letzten Etappe zu unserem Zielort. Die Strecke die wir fuhren war eine andere als die, die wir im Sommer nutzten. Ein Glück, die Steigungen waren beträchtlich. Was den Busfahrer ebenso wenig wie Eis und Schnee von seinem Tempo abbringen ließ.

Schade eigentlich, so blieb wenig Zeit die für uns ungewohnte Schneelandschaft zu bewundern. Zahlreiche verschneite Tannen und Kiefern, zugefrorene Seen, zugeschneite Dörfer und Straßen zogen im Eiltempo an unseren staunenden Blicken vorbei.

Am Ziel nach über 32 Stunden angekommen, fragte der Fahrer erstaunt, ob wir den wissen wo wir übernachten wollen. Erleichtert nahm er unsere Antwort zur Kenntnis und wir machten uns auf, die paar Meter bis zum Campingplatz zu bewältigen. Vorbei an mehreren meterhohen Schneebergen, die die Räumfahrzeuge fabriziert hatten, zum Hauptgebäude wo wir sehr herzlich wie alte Freunde empfangen wurden.

Nach einem Kaffee gingen wir zu »unserer Hütte«. Wir bemerkten sofort, daß in der knapp 20 qm großen Behausung zwei zusätzliche Heizkörper untergebracht waren. Bei einem ersten Test in der vergangenen Woche waren es nur 6 Grad gewesen, daher die Vorsichtsmaßnahme. Die dritte brauchten wir aber gar nicht. Wir hatten durchschnittlich 17 Grad drinnen, draußen ca. -22 Grad, dadurch empfanden wir es in der Hütte als recht kuschelig.

Wir packten unsere Sachen aus, machten ein paar Besorgungen in dem nahen Supermarkt und gingen nach dem Essen früh schlafen. Dunkel war es bereits seit mehreren Stunden.

Informatiker gesucht

War es die lange Anfahrt oder die vergangenen (Arbeits-) Wochen?  Am folgenden Tag haben wir glatt den Sonnenaufgang verschlafen. Dieser soll gegen zehn Uhr statt gefunden haben. Dunkel wurde es ab zwei Uhr nachmittags, wobei sich der Vorgang über einen längeren Zeitraum erstreckt. »Richtig dunkel« wurde es ab vier. Wobei »richtig« relativ ist, je stärker der Mond schien, desto heller wurde es. Da das Mondlicht vom Schnee reflektiert wurde, war nachts für bessere Sicht gesorgt, als bei unserem letztem Aufenthalt.

An unserem Tag in der Hütte passierte nicht viel. Wir frühstückten, machten ein die ersten Photos und holten ein paar Töpfe Schnee zum Tee kochen. In Finnland war an diesem Tag, dem 6. Januar, Feiertag.

An Miras Geburtstag hatten wir die bislang kältesten Temperaturen, das Thermometer zeigte -28 Grad. Zur Feier des Tages wurden wir zum Mittagessen eingeladen. Es gab Rentierfleisch mit Kartoffelbrei, wir steuerten den anschließenden Kuchen bei.

Der Folgetag bot die gleichen Temperaturen wie am gestrigen Tag sowie ein paar vereinzelte Schneeflocken. Bei dem morgendlichen Gang zum Hauptgebäude entdeckten wir zahlreiche, frische Rentierspuren im Schnee. Von den nächtlichen Besuchern war nichts zu hören gewesen. Insgesamt gesehen erwies sich der bisherige Aufenthalt in der Hütte als äußerst ruhige und entspannende Zeit mit einer geradezu paradiesischen, friedlichen Stille. Wir waren über den gesamten Aufenthalt die einzigen Gäste die hier nächtigten. Ideale Voraussetzungen um den hektischen Alltag zu entfliehen und wieder zu sich selbst zu finden.

Dieser holte uns jedoch schneller wieder ein als wir dachten. Unsere Gastgeberin hatte ein Problem mit der Übertragung ihrer Videofilme auf den Laptop. Na gut, wozu hat man schließlich zwei Informatiker als Gäste?  Aber auch diese konnten hier nicht helfen und nach mehreren Stunden intensivem Studiums des (englischen) Handbuchs und der (finnischen) Fehlermeldungen des Betriebssystems wussten wir nicht weiter und mussten letztlich kapitulieren.

Leuchtender Empfang

Am folgenden Tag sind wir mit dem Bus in die nächstgelegene Stadt gefahren – die allerdings nicht der Rede wert war. Wir haben in einer Tankstelle zu Mittag gegessen und Kaffee getrunken und wollten nach über drei Stunden in der Raststätte wieder mit dem Bus zurück fahren. Leider wußte der Bus nichts von unserem Vorhaben, sodaß wir drei weitere Stunden in der Tankstelle verbrachten und da wir schon mal da waren auch gleich zu Abend aßen. Dank dieser Aufenthalte erreichten wir den Campingplatz erst gegen neun Uhr abends, bei -20 Grad in einer sternklaren Nacht.

Hier empfing uns noch eine wunderschöne Überraschung: An dem Weg zur Hütte waren mindestens zwei Dutzend Laternen mit brennenden Kerzen aufgestellt, die uns den Weg zeigten. Im Bereich der Hütten gab es kein Außenlicht, sodaß sich uns ein toller Anblick bot. Wir bedankten uns per SMS, machten ein paar Photos und erhielten noch – ebenfalls per SMS – die besten Wünsche »for a nice romantic evening and enjoy the moonlight«.

Der Mond spielte an diesem Abend in der Tat mit und verbreitete ein tolles Licht. Mitten im Photographieren hörten wir plötzlich ein Glöckchen zwischen den Bäumen – ein Rentier kam zu Besuch. Die Stimmung war unbeschreiblich, es war kaum zu überbieten. Als wir noch ein paar Photos am Fluß einfangen wollten, sahen wir noch die ersten Polarlichter. Es waren mittlerweile um die -25 Grad draußen, wir waren für diese Temperaturen eigentlich nicht richtig angezogen, aber die Kälte haben wir nicht mehr gespürt. Wir waren einfach zu aufgeregt und knipsten munter drauf los bis die Akkus leer waren. Als wir später in der Hütte waren, hat es sicher zwei Stunden gedauert, bis wir wieder aufgetaut waren.

Typisch finnische Küche

Für den nächsten Abend erhielten wir eine Einladung zu unserer Gastgeberin nach Hause. Die drei Kinder entschieden einstimmig, daß für den heutigen Tag das typisch finnische Gericht Pizza auf der Karte stand. Wir brachten noch von zu Hause eine Flasche Wein mit. Der Abend war sehr unterhaltsam und verging viel zu schnell. Wir erfuhren mehr über das Leben hier im Norden, über ihre eigene Kindheit, das Studium, wie sie ihren Mann kennen gelernt hat und einiges mehr. Am frühen Abend schaute noch die nächste Nachbarin, deren Haus ca. 4 km weiter ist, vorbei und schloss sich der Unterhaltung an.

Die besagte Nachbarin fuhr uns schließlich zum Campingplatz zurück und lud uns für den nächsten Tag zu sich und ihren Schlittenhunden ein. An dem Tag waren es »nur« -5 Grad, zu warm für die Hunde zum Schlittenfahren…. Der Besuch fand aber trotzdem statt. In den vier bis fünf Zwingern befanden sich zu diesem Zeitpunkt 17 Hunde. Die meisten waren sibirische Huskies, von denen die wenigsten blaue Augen hatten. Vereinzelt hatten die Augen der Hunde aber links und rechts verschiedene Farben, trotzdem hatte keiner die Stimme David Bowies. Sie lebten das ganze Jahr über draußen (außer bei Krankheiten) und sind bekanntermaßen kälteresistent. Da es heute für einen Trainigslauf zu warm sei fragten wir was die Hunde denn im Sommer machten. »Gar nichts, nur schlafen«, war dann auch die lapidare Antwort.

Die zutraulichen und sehr verspielt wirkenden Huskies müssen mindestens paarweise gehalten werden. Sobald sich jemand deren Behausung näherte streckten sie den Kopf soweit wie möglich raus um alles greifbare (Hände, Objektive) abzulecken.

Von den Rentieren fanden sich nur noch vier auf dem Hof, die restlichen waren wieder in der »freien Natur«. Die recht scheuen Tiere bekamen ihre Ration Heu und kamen so bis auf wenige Meter in unsere Nähe.

Das Rentier kennt den Weg

Der letzte Tag rückte näher und wir besuchten einen weiteren Nachbarn, an dem bislang wärmsten Tag. Es waren Plustemperaturen und es began leicht zu regnen (schneien). Das Resultat war vereinzelt Matsch auf den Straßen, wie er vom heimischen Winter nur allzu bekannt ist.

Aber zurück zu unserem heutigen Ausflug, dieser führt auf eine kleine Rentierfarm. Dort wollten wir einen Ausflug mit dem Rentierschlitten machen, was wir gestern abend noch per SMS ausgemacht hatten.

Wir wurden bereits erwartet und das Rentier war relativ fix vor den Schlitten gespannt. Er bat zuerst Mira Platz zu nehmen und dann mich zu folgen. Es folgte eine kurze Einweisung, wie ich die Zügel halten soll, wie das Rentier zu bremsen sei und locker lassen zum Laufen. Soweit so gut, die Überraschung war jedoch groß, als er nach dieser Erklärung dem Rentier auf den Rücken klopfte und dieses auch prompt losrannte.

Wir konnten uns vor Lachen kaum beruhigen, allein auf dem Schlitten, gezogen von einem Rentier, das den Weg aber offensichtlich kannte. Der Ausflug war mit geschätzten 15 bis 20 Minuten relativ kurz gewesen, hat aber großen Spaß gemacht.

Anschließend sind wir in eine Kota um Tee traditionell aus Kuksa zu trinken. Uns wurden noch ein paar Kleidungsstücke, Ausrüstungsgegenstände und einiges mehr gezeigt. Dazu brannte in der Mitte des Raumes ein Feuer, welches zum einen wärmte und zum anderen eine beruhigende Wirkung hatte.

Den letzten Nachmittag verbrachten wir mit dem Bauen eines Schneemanns. Dank der warmen Temperaturen klebte der Schnee wieder, deshalb war es aber auch an den anderen, kälteren Tagen nicht glatt. Die nächsten Stunden verbrachten wir zu dritt im Hauptgebäude, bevor wir uns für dieses Mal verabschiedeten. Wir versicherten nochmals, daß wir den Aufenthalt sehr genossen haben, wir bald wieder kommen und bis dahin in Kontakt bleiben.

Eindrücke

Die Eindrücke und Erfahrungen, die wir in dieser Zeit gemacht haben lassen sich nur schwer in Worte fassen. Allein die verschneite Landschaft war für mitteleuropäische Verhältnisse schon ungewohnt. Dazu die eisigen Temperaturen, die bis auf wenige Stunden um die Mittagszeit dunklen Tage sowie die Ruhe und Abgeschiedenheit in und rund um unsere Hütte.

Wir haben in der Zeit unseres Aufenthaltes (bis auf einen Tagesausflug mit dem Bus) keine größeren Entfernungen zurück gelegt, sondern uns nur auf das direkte Umfeld beschränkt. Dies mag mit dazu beigetragen haben, daß wir die Tage sehr intensiv erlebt haben. Auch um bewusst Abzuschalten und einfach die Seele baumeln zu lassen waren die »Bedingungen« ideal.

Sicherlich hatten wir das Glück einer intensiven Betreuung vor Ort und das obwohl sich unsere Gastgeberin über Arbeitsmangel, mit drei Kindern und einer 6-Tage Arbeitswoche sicherlich nicht beschweren kann.

Unser Versprechen »bald wieder zu kommen« werden wir in den kommenden Wochen erfüllen. Die Planungen für die nächste Radtour sind bereits abgeschlossen. Die Flüge sind schon lange gebucht, die Ausrüstung gesichtet und die Fahrräder auf Vordermann gebracht. Aber das ist eine andere Geschichte….

Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte 2009 teil.

Aktuelle Jury-Wertung: 2,5

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