Reiseberichte
Bruder Bono
Autor: Andre Herrmann
Datum: Freitag, Juni 26th, 2009
Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte 2009 teil. Am Ende des Berichts könnt Ihr Eure Wertung abgeben!
Eine Übersicht der teilnehmenden Berichte findest Du hier.
Reichlich spät waren wir in Ferrington’s Pub angekommen und hatten die ersten Pints auf den Sieg der Dubs erhoben. Die Stadt war heute doppelt blau, einerseits durch die Trikots der Fans, jeder schien Fan zu sein und hatte sein blaues Hemdchen an und andererseits, weil ein Sieg natürlich anständig begossen sein wollte. Wir hatten das Spiel nicht gesehen und stattdessen den ganzen Nachmittag damit verbracht, wie zwei verlotterte Kamele durch die Stadt zu traben und nach einer Wohnung zu suchen. Denn jener nette Vermieter, der mir ein wirkliches Schnäppchen von Wohnung zugesagt hatte, hatte es bereits an einen glücklichen Polen vermietet und uns ein wenig verunsichert zu erklären versucht, dass heute doch ein sehr weitläufiger Begriff sei. Aber das sollte nicht das Problem sein.
„Ich schlafe in keinem scheiß Hostel!“, hatte mein Begleiter seinen Schlachtruf getan und ebenso die Möglichkeit eines Hotels, sei es nur für eine Nacht, kategorisch ausgeschlossen. So war es losgegangen. Die Koffer in irgendeinem Hotel weggeschlossen, mit Monatskarte für Bus und DART bewaffnet, hatte unser ganzer Nachmittag und auch der beginnende Abend darin bestanden, unzählige Zeitungen zu durchforsten, Anrufe zu machen, zu vereinbarten Zeiten an vereinbarten Orten zu sein und dann meistens abzulehnen oder abgelehnt zu werden (nicht irisch, nicht polnisch oder einfach: Deutsche, nein danke). Ich hatte mich schon resignierend im Trailer-Park der Docklands die Nacht inmitten mehr als fragwürdiger Gestalten verbringen sehen. Den ganzen Tag waren wir durch die Straßen gehetzt, rauf und runter, kreuz und quer, jede Gasse entlang, jede Nuance von Gestand in jeder erdenklich Backalley hatten wir geschnuppert.
„Man muss sich ja auskennen, damit man bei den Jobangeboten weiß, um welche Gegend es sich handelt“, hatte mein Begleiter immer wieder bekräftigt, wenn ich irgendwo am Quay trotzig stehen blieb und nicht mehr weiter wollte.
„Wozu in aller Welt gibt es Stadtpläne?“, hatte ich ihm dann hinterher gebrüllt und mich innerlich gefragt, warum wir nicht einfach den Bus nahmen.
Aber die Monatskarten waren wohl eher als Zierde im Portemonnaie gedacht, denn mein Begleiter hatte auch dafür eine schlichte, wenn auch schwachsinnige, Erklärung: „Damit man sich als normaler Mensch von den Touristen abheben kann. Als Einwohner darfst du keinen Stadtplan benutzt, das macht der Stolz!“
„Aha“, sagte ich, „Klasse! Wir wohnen hier aber noch gar nicht!“
„Na und?! Als Einheimischer weißt du sofort, wenn du jemandem mit einem dieser unhandlichen Pläne agieren siehst: Aha! Ein Tourist!, und kannst ihnen den Weg zeigen. Natürliche Kennzeichnung eben. Und wir sind doch nicht hier, um Touristen zu sein, oder?“
Dass man, um jemandem den Weg zeigen zu können, erst einmal selbst den Weg kennen müsste, ließ ich lieber unerwähnt.
„Nein nein, niemals!“
Und es klingt nach Ironie, dass wir tatsächlich eine Wohnung fanden. In Dublin, yes! Im Endeffekt sogar recht zügig. Denn statt der tausend Sicherheiten, Vorvermieterbescheinigungen und all dem Krempel, den man in Deutschland schon braucht, um sich einen Lücke auf einem Privatparkplatz zu mieten, gab es hier ein trockenes „You’ll pay every week, right?“ und ein „Right!“ von uns zurück, dann Handschlag, Ende Gelände, schöne Zeit euch verrückten Deutschen. So einfach ging das und wir beschlossen die Taschen vorerst unausgepackt zu lassen, um den Abend auswärts zu verbringen.
Kurz nach elf hatten sich die Reihen im Pub schon gelichtet. Dem Barkeeper standen kleine Ringe unter den Augen, die so schwarzbraun zu werden drohten wie das Stout, das er ausschenkte. Noch ein, zwei Stunden, dann würde er hoffentlich die letzten Typen mit dem Dreck der Abtreter vor die Tür kehren können. Immerhin war es Sonntag. Da stimmte zwar die ein oder andere Runde in ihren einheitlich blau-blauen Trikots noch ab und zu irgendein Liedchen an, aber insgesamt hatten die meisten Gäste ihren Zenit überschritten. Viele hingen, auf beide Ellenbogen gestützt, hinter ihren Tischchen und starrten mit rot verquollenem Gesicht in ihr halb geleertes Glas, als könnten sie darin noch irgendeine andere Wahrheit entdecken, als das es für sie an diesem Abend besser das letzte Bier war. Andere gestikulierten und nölten ziemlich ausschweifend auf Andere ein, da sie sich nach dem x-ten Pint wieder im Stande fühlten, alle weltpolitischen und gesellschaftlichen Probleme mit einem Fingerschnipp zu lösen.
Wir hatten unsere Unterhaltung auf das Minimalste reduziert und hielten uns brav hinter unseren Gläsern.
„Hey!“, sagte mein Begleiter und nickte zur anderen Ecke des Pubs, in der zwei Typen gerade eine Darbietung von Bruce Springsteens Summer of 69 auf Luftgitarren ansetzten. Und während der Manager hinter der Theke die Musik immer leiser drehte, steigerten sie die ihrige Lautstärke umso mehr.
Da taumelte ein muskelbepackter Kerl mit Zigarette im Mundwinkel vom Tresen zu uns herüber und brabbelte mir irgendetwas zu, dass sich anhörte wie The Porsche actually was a Rolls Royce!
Ich zuckte mit den Schultern, ich verstand kein Wort: „Sorry?“
Er wiederholte es und diesmal hörte es sich noch mehr nach The Porsche actually was a Rolls Royce! an. Ich begann an meiner Wahrnehmung zu zweifeln. Hatte ich jetzt, beim zweiten Mal, vielleicht nicht einfach nur das gehört, was ich hatte hören wollen? Ich verzog das Gesicht, um ihm zu verstehen zu geben, dass ich absolut nichts kapierte, 15 Punkte Englischabi, yeah!
Er sah mich stumm an. Seine Augen starrten auf einen Punkt direkt hinter mir an der Wand, als würden sie nur auf ein Zeichen warten. Sein Gesicht sah so leblos aus wie eine an der Wand zerschmetterte Nektarine, die Augen waren halb geschlossen, seine Lippen unförmig aufeinander gepresst. Da grinste er vor sich hin, hob seine Hand, gab mir High Five und torkelte in Richtung der Tür davon. Wir waren ratlos. Kurz darauf trat einer seiner Freunde zu mir. Er deutete auf seinen Kollegen, der vor der Tür stand, schwankend seine Zigarette rauchte und sagte in erklärender Absicht etwas wie His Porsche actually was a Rolls Royce! und zog lachend davon. Vielleicht hab ich einfach zu wenig getrunken, dachte ich.
Der Abend floss zäh dahin wie zwanzig Jahre alter Cherry, so klebrig, langsam und unbewusst, mit hellen Momenten in fünfminütigen Abständen, was ihn in Wirklichkeit umso mehr beschleunigte. Aber was will man auch machen, wenn es feste Öffnungszeiten in den Pubs und Bars gibt und man Guiness sowieso nur kalt trinken kann, also dementsprechend auch sehr schnell trinken muss, was wiederum die Abende genau so schnell enden lassen kann, sei es nun auf dem Klo oder hoffentlich in irgendeinem Bett. Nach zu viel Guinness also, das meine Beine langsam aber sicher verflüssigte und sie bereits ziemlich schlacksig hatte werden lassen, blies ich zum Rückzug. Wer keine bequeme Schlummerposition auf dem Tisch oder Tresen hatte finden können, war sowieso schon längst ins heimische Bett verschwunden. Das ist das einzig Gute an den Sperrstunden und last orders, zumindest wochentags liegt man spätestens Mitternacht in der Koje und steht am nächsten Morgen Punkt 9 wieder der Welt zur Verfügung. Wobei auch das Quatsch ist, die Zeiten sind nur verschoben. Denn ab Fünf Uhr Nachmittags sitzt die lokale Trinkerelite eh wieder am Tresen. Nur eine Verschiebung des Problems, Saufen im Hellen, das kennen die meisten bei uns gar nicht und das ist wahrscheinlich auch gut so. Der Barkeeper nickte übermüdet. Nein, kein Trinkgeld, das macht man hier nicht.
In dieser Stadt kommt einem ein Kater besonders teuer zu stehen, dachte ich vor der Tür, während ich mich an den rot gestrichenen Holzpfeilern abstützte. Mein Gesicht war taub, meine Augen waren matschig geworden. Ich fühlte mich gerädert, aufgesaugt, durchgekaut und wieder aufs Pflaster gespuckt. Je länger ich versuchte, meine Betrunkenheit zu kaschieren, desto offensichtlicher wurde sie. Ich konnte die ganzen Schwadronen von Polizisten schon in ihren Kommandozentralen sitzen und gröhlen sehen, wenn sie mich unter den vielen Kameras entlang schwanken sehen würden. Mit immenser Anstrengung versuchte ich geradeaus zu laufen und schunkelte hin und her, wie die am Quay vertäuten Ausflugsboote in den Wellen der Liffey. Wieder einmal überkam mich eines jener Gelüste, die einem immer nur dann kommen, wenn man sie auf keinen Fall wahrnehmen sollte. So, wie Andere im Suff zu singen anfangen, war es bei mir schon immer der Drang gewesen, loszurennen. Am Besten blind in die Nacht hinein, was schon mehrmals als stumpfe Erklärung für die ein oder andere Abschürfung herhalten musste. Aber ich fühlte mich unheimlich schnell. Vielmehr wahrscheinlich rannte ich einfach immer schnell genug, sodass mein gelähmter Kopf mit dem Verarbeiten in Echtzeit gar nicht mehr hinterherkam. Da ich aber ohnehin recht schwungvoll über das vom Nieselregen glitzernde Kopfsteinpflaster stolzierte, schien es für mich beinahe zur Notwendigkeit zu werden, dem Schwung endlich nachzugeben.
Dass ich noch ein paar Schritte gehen wolle, erklärte ich meinem Begleiter und verabschiedete mich ins Dunkel. Mit drehendem dröhnendem Schädel könnte ich eh nicht einschlafen, rief ich ihm nach. Es würde sich anfühlen, als spielte jemand mit riesigen, silbernen Kugeln Marble Madness in meinem Kopf.
Meine Turnschuhe quietschten auf dem feuchten Boden. Ich hatte Mühe, nicht gleich vollends auf die Schnauze zu fliegen. Immer wieder in gleichmäßigen Abständen verlor ich kurz den Halt und schlitterte über zwei, drei Reihen Steine hinweg. Dazu kam, dass meine volle Blase jetzt endgültig ihren Tribut verlangte. In mir, obwohl ich eher das Gefühl hatte, einen mit Wasser prall gefüllten Ballon mit mir herumzutragen, hüpfte das gute Guinness, oder besser, was davon noch übrig war, fröhlich im Takt der Schritte auf und nieder. Ich fühlte mich weit in der Zeit zurückversetzt. Irgendwann, vierte Klasse. Mit randvoll gefüllten Einkaufstüten auf dem Nachhauseweg und dem andauernden Bedenken, sie würden unten aufreissen und ihre Inneren auf der Straße verteilen.
Da, endlich, ein Hotel. Ich bremste und rutschte noch einige Meter weiter auf dem Pflaster, stieß die hölzernen Türen auf und stapfte in die Eingangshalle. Der Nachtportier an der Rezeption rechts sah mich mit einem entgeisterten Blick an. Aber für eingehende Betrachtungen war jetzt keine Zeit mehr. Es galt, Explosionen zu verhindern.
„Toilet?!“, rief ich ihm zu.
Etwas verdutzt zeigte er auf einen Gang am Ende der Halle. Dann wollte er etwas sagen, aber ich kam ihm zuvor.
„I’ll pay for it!“, lallte ich und verschwand.
Als ich erheblich erleichtert und ruhigen Schrittes zurückkehrte, bemerkte ich an einer Wand einige Fotos. Überschrift: The Clarence Hotel. Clarence Hotel? Mein Begleiter, seines Zeichens begeisterter U2-Fan, hatte mir davon erzählt und ganz langsam dämmerte mir auch, in wessen Hotel ich gerade gestürmt war, als ich mir die Fotos, etwas genauer besah. Einige von ihnen zeigten unverkennbar Bono, als lustigen Mann mit nicht ganz so lustigen bunten Brillen, und The Edge. Aber was sollte es mich kümmern, dachte ich, gerade die müssten für notwendige Bedürfnisse Verständnis habne. Ich kramte ein 2-Euro-Stück aus meiner Tasche, das ich mit unverkennbarer Großzügigkeit dem Portier spenden wollte.
„For you“, erklärte ich, indem ich ihm das Geldstück hinhielt und nach hinten zu kippen drohte.
Er schüttelte den Kopf. „That’s 500 Euro“, sagte er.
„What?“, rief ich, „Yer joking, right?“
„Nope“, wiegelte er ab.
Die Security-Affen führten mich durch den ganzen Service-Bereich bis in die Küche und erklärten, ich werde die restlichen 498 Euro wohl oder übel abarbeiten müssen. Ich tat überhaupt nichts. Protest! Ich sah mich schon längst nicht mehr zu irgendetwas im Stande. Sie zogen mir eine völlig verdreckte Schürze an und setzten mir eine krumme Kochmütze auf. Ich erklärte ihnen in flüssigstem Englisch, wie ich es nur betrunken spreche, dass ich die Deutsche Botschaft benachrichtigen würde. Und Bono. Wo sind die Menschenrechtler, wenn man sie braucht, dachte ich. Am Nachmittag hatte ich ein paar Straßen weiter ein Amnesty-International-Café entdeckt. Wahrscheinlich hockt er da, dachte ich, hockt da jetzt und trinkt Fair-Trade-Kaffee anstatt die Ausbeutung im eigenen Haus zu verhindern. Der Souchef, besser noch jener Tellerwäscher, der nachts den Souchef mimte, spendierte eine halbe Flasche Jameson für den ohnehin schon viel zu besoffenen Gast aus Dschörmäinija!
Zwei Stunden später verabschiedeten wir uns bereits mit Umarmungen und Whiskey in the Jar auf den Lippen.
Einer der Türsteher hieß Clarence. Lustig.
Als ich in unserer Wohnung ankam, die bis auf Betten, der Küche, einem Tisch und vier Stühlen vollkommen leer war, nur der Aschenbecher war bereis voll, wurde es draußen schon wieder hell. Mein Begleiter hockte in der kleinen Küche und starrte mich an, als käme ich von einem anderen Planeten.
„Gott, siehst du scheiße aus“, lachte ich.
„Wo kommst du denn her?“, rief er, „Ich wollte ja schon fast wieder los, um dich zu suchen.“
„War mit Bono Kaffee trinken.“
„Was?”
„Fäääär Treeeeyyytt Koffiiiiii“, schnurrte ich und ließ mich auf einen Stuhl sinken.
Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte 2009 teil.
Aktuelle Jury-Wertung: 2
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Juni 26th, 2009 at 10:02
Super Reisebericht! 1 – sehr gut.
Juni 26th, 2009 at 12:18
Sehr Gut! – eine 1
Juni 26th, 2009 at 18:14
Da leben meine Erinnerungen an diese einzigartige Stadt gleich wieder auf! Danke, toller Text, SEHR GUT, 1!
Juni 26th, 2009 at 23:02
gibt ne 1 dafür ^^
Juni 27th, 2009 at 12:12
Klasse, gefällt mir sehr gut, Note 1
Juni 28th, 2009 at 11:38
Wow!
Note sehr gut, 1.
Juni 28th, 2009 at 20:41
Ja, sehr schön, das! Eine 1!
Juni 29th, 2009 at 10:44
Ganz ganz Prima, eine 1 von mir.
Juni 29th, 2009 at 17:08
Durchaus gelungen. Eins.
Juni 29th, 2009 at 17:44
1, sehr gut
Juni 29th, 2009 at 18:28
der beste, der besten, der besten
ganz klar 1
Juni 29th, 2009 at 18:38
Sauber, 1!
Juni 29th, 2009 at 18:49
Sehr feiner Text. Note 1.
Juni 29th, 2009 at 19:59
sehr unterhaltsdam und gut beschrieben
Das gibt eine 1!
Juni 30th, 2009 at 11:50
Klasse, glatte 1!
Juni 30th, 2009 at 15:39
Herrlich zu lesen, komisch, geistreich.
Eine glatte 1!
p.S. erinnert mich ein wenig an Christopher Moore…
Juni 30th, 2009 at 21:13
So ist Dublin!
1
Juli 2nd, 2009 at 18:46
1. ganz klare sache ;-)
Juli 3rd, 2009 at 10:15
Gefällt! Note 1
Juli 4th, 2009 at 12:08
Eine sehr schöne Geschichte, sehr lustig, Note 1
Juli 6th, 2009 at 13:07
So hätte ich Dublin auch gern erlebt ; ) Note 1
Juli 6th, 2009 at 13:36
gut gesschrieben, interessante story
note 1
Juli 6th, 2009 at 13:38
Herrlich geschrieben. Ich fahr wieder hin.
Aso ja auch ‘ne 1 — aber definitiv
Juli 6th, 2009 at 17:11
Sehr nett geschrieben. Scheinst die Leute wirklich in dein Herz geschlossen zu haben :)
Lebhafte Darstellung -1!!!