Reiseberichte
Alaska – am Lagerfeuer
Autor: Arnulf Heimbach
Datum: Sonntag, Oktober 11th, 2009
A camp fire is the best meeting place of the world…
Ich glaube, diese alte Cowboyweisheit trifft den Nagel auf den Kopf. So ein Feuer leuchtet, wärmt, trocknet, bringt das Kaffeewasser zum Kochen und macht zur Not sogar eine alte Schuhsohle essbar. Es kann noch viel mehr – es macht gesprächig. Am Feuer werden die spannendsten Geschichten erzählt, die besten Pläne geschmiedet, die ehrlichsten Bekenntnisse abgelegt, und möglicherweise die klügsten Gedanken entwickelt – vielleicht sollte man Politiker und Banker öfter einmal ans Feuer setzen.
Ich habe erlebt, dass selbst wortkarge Leute im Schein des Feuers erstaunlich gesprächig wurden. Ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie Mitbürger, die niemals auch nur den Anflug einer Ansprache von sich gegeben hatten, am lodernden Lagerfeuer zum Redner wurden und von ihnen vorher nie vernommene Ansichten äußerten. Ich war dabei, als hohe militärische Vorgesetzte, die für ihre Schweigsamkeit bekannt waren, am nächtlichen Feuer mit jungen Soldaten ganz locker geredet, gescherzt und gelacht haben. Ich habe sogar davon gehört, dass ein ziemlich zerstrittenes Ehepaar eine Nacht irgendwo draußen am Feuer verbracht und dort die bisher scheinbar unlösbaren Probleme besprochen und schließlich gelöst hat.
Es muss also etwas dran sein an der Behauptung der Cowboys, dass so ein Lagerfeuer der beste Treffpunkt der Welt ist. Ein Abend unter dem Sternenhimmel am Feuer, wenn die Flammen züngeln, die Funken sprühen, der Teekessel summt, die Pfeife brennt, und die Geschichten von selbst aus dem Dunkel der Vergangenheit kommen… das ist schon was!
Ein solcher Abend ist es, ein windstiller, klarer Abend unter dem hohen Himmel Alaskas. Die rote Scheibe der sinkenden Sonne nähert sich dem „Sägeblatt“ der Alaska Range. Der Bach, auf dessen steilem Ufer wir sitzen, liegt bereits im Schatten. Enten streichen mit pfeifendem Schwingenschlag das Tal entlang, Biber haben mit ihrer Nachtschicht begonnen. Die Teekanne über dem Feuer zischt leise. In der Glut braten die Forellen, die Herbold vom Kanu aus geblinkert hat. Unser Gespräch am Feuer kreist heute Abend um die Jagd und die Jäger. Wir haben uns gerade über eine gut organisierte Niederwildjagd im Münsterland unterhalten, an der wir beide vor Jahren als Gäste des kürzlich verstorbenen Baron von Kettelbusch teilgenommen hatten. Herbold, der den Baron viel besser kannte als ich, sagt zum Schluss: „Ja, ja, der alte Kettelbusch, der hat sein ganzes Leben lang nur gejagt, geritten, gesoffen und gevögelt…“ Nach diesem kundigen Nachruf auf den glücklichen Baron von Kettelbusch holt Herbold die Rumflasche aus dem Kanu und macht damit dem schüchternen Tee etwas Mut.
„Ich kannte da zwei Herren“, beginne ich, „die waren zur Jagd in Kanada, irgendwo in British Columbia. Ich hab’ die beiden immer für schlappe Kerle gehalten, so richtige Weicheier, bloß keinen Schritt laufen, bloß keine frische Luft und jeden Abend hoch die Tassen und so. Da kamen die zwei zurück und zeigten mir tolle Bilder von ihrer Jagd, wilde Berglandschaft, ein Fluss, ein Canyon, ein Kanu, alles bestens. Jeder hatte einen Schwarzbären und einen schwachen Elch geschossen. Ich wollte schon innerlich Abbitte leisten, weil ich sie zu den Schlappis gerechnet hatte, da sagte doch der Jüngere zu mir: „Und wissen Sie, was das Schönste war? Wir standen jeden Abend pünktlich um sieben an der Hotelbar, hatten eine heiße Dusche und ein gutes Bett.“ „Weidmannsheil!“ konnte ich gerade noch sagen, bevor es mir die Stimme verschlug. „Wenn ich unser Lager hier betrachte und diesen Sonnenuntergang, da kann ich nur sagen: Hatten die ein Jagdpech…!“
Es ist kalt geworden, das Wasser im Eimer hat bereits eine dünne Eisschicht. Der Abendstern glitzert. Auf dem Bach fallen Enten ein. Herbold reicht mir eine Zigarre und erzählt: „Von Jagdpech kann ich noch ein ganz anderes Liedchen singen. Ich war mit meiner Frau zu Gast bei Verwandten auf einem Gut in Mittelschweden. Wir fuhren damals jeden Herbst zur Elchjagd hin. Na, ich hatte dort eigentlich immer Weidmannsheil… Alttier, Kälber, Schmaltiere, Stangenelch… aber nie einen Schaufler. Der Jagdherr wollte mich nun unbedingt auf einen guten Schaufler, der in seinem Revier stand, zu Schuss bringen. Dazu holte er einen bekannten Elchhundeführer mit zwei guten Hunden aus 300km Entfernung. Dann ging’s hinaus in das große Revier, Hochwald, Moor und Heide. Der Hundeführer fand auch bald eine starke Fährte und schnallte die Hunde. Die waren ziemlich rasch am Elch, hetzten ihn und stellten ihn schließlich in einem Fichtenwald nicht weit von der Reviergrenze. Wir konnten alles am Hetz- und Standlaut genau verfolgen. Jetzt fuhr die ganze Jagdgesellschaft, einschließlich meiner Frau, dorthin, also in die Nähe des gestellten Elchs, Elchjagd mit Publikum! Mir passte das überhaupt nicht, aber was sollte ich machen?
Ich pirschte also mit dem Hundeführer etwa 300m in den Fichtenwald hinein, immer auf den Standlaut zu. Wir kamen in guter Deckung bis auf 80m an den starken Schaufler heran. Der stand mit dem Spiegel gegen einen dicken Baum und schlug nach den Hunden. Ich ging in Anschlag… Rums!… der Schnee spritzte unter dem Elch auf, und ab ging die Post, der Elch voraus, die Hunde dicht hinterher geradewegs über die Reviergrenze zum Nachbarn. Später erzählte mir meine Frau, dass mein Gönner, als der Schuss brach, erleichtert zu ihr sagte: „Na, endlich!“ Ich ging mit dem Hundeführer zurück. Der war ganz schön sauer. Da fiel ein Schuss nicht weit von uns entfernt im Nachbarrevier. Mir ist das jetzt auch egal – schlimmer kann’s ja nicht mehr kommen. Alle warteten auf uns, ich hätte mich am liebsten eingegraben, aber der Boden war steinhart gefroren. Na ja, alle standen herum wie auf der Beerdigung. Da kam ein Wagen auf dem Waldweg aus Richtung Nachbarjagd. Ein Jäger stieg aus und sagte: „Würdet ihr mal eure Hunde holen. Ich habe gerade einen starken Schaufler geschossen, und die Teufel lassen keinen an den Elch.“ Herbold bläst blaue Wolken in die kalte Luft, guckt durch den Rauch zu mir herüber und fragt: „Na, Euer Gnaden, ist das vielleicht nichts…?“
Auszug aus der Neuerscheinung “Wasser, Wind und weites Land – Mit dem Kanu durch Alaska und Kanada”…









