Reiseberichte


Kulturelles Missverständnis am Goldstrand


Autor: Freyawin
Datum: Dienstag, November 10th, 2009

„Slatni Pjassazi, Slatni Pjassazi,“ murmelte ich unaufhörlich vor mich hin, um das schwierige Wort nicht zu vergessen. Auf deutsch hieß es vielversprechend „Goldstrand“. Dort wollte ich hin. Ich wandte mich an den Chauffeur des erstbesten Busses auf dem Varnaer Busbahnhof und fragte: „Slatni Pjassazi?“ Der Busfahrer schüttelte den Kopf, grinste mich an und machte eine einladende Handbewegung. Was für Charmeure, die Bulgaren, dachte ich und schüttelte ebenfalls den Kopf. Ich wollte doch nicht einfach irgendwohin fahren, auch nicht mit einem hübschen, schwarzgelockten, jungen Mann, sondern ich wollte am „Goldstrand“ baden. Also wandte ich mich dem nächsten Bus zu. Diesmal nickte der Chauffeur auf meine Frage. Na also. Als ich einsteigen wollte, winkte er jedoch mit beiden Händen lebhaft ab und deutete auf den Bus seines Kollegen, den ich gerade gefragt hatte, und der mich noch immer temperamentvoll gestikulierend zu sich rief. Ich verstand gar nichts und stieg verwirrt in den Bus mit dem kopfschüttelnden Fahrer.

Nicht lange nachdem wir Varna verlassen hatten, hielt der Bus tatsächlich an einem traumhaften Strand. „Slatni Pjassazi?“ fragte ich hoffnungsvoll den Busfahrer. Er schüttelte eifrig den Kopf. Gerade wollte ich mich wieder hinsetzen, da rief er: „Da, da, Slatni Pjassazi“, und machte mir temperamentvoll mit Zeichensprache klar, dass ich aussteigen solle. „Da“ heißt „ja“, soviel wusste ich, also verließ ich den Bus, wenn auch mindestens so verwirrt, wie ich eingestiegen war. Die wunderschöne Aussicht auf den „Goldstrand“ ließ mich das rätselhafte Erlebnis bald vergessen. Vor mir lag tiefblau und in der Sonne glitzernd das Schwarze Meer. Natürlich war es nicht schwarz. Scheinbar nehmen es die Bulgaren weder mit „ja“ und „nein“ noch mit den Farben so genau. Der langgezogene, goldgelb schimmernder Sandstrand, dagegen machte seinem Namen alle Ehre. Bunte Schirme luden zum Verweilen ein, wenn die Sonne gar zu heiß brannte. Sonnenanbeter, die keine Kulturstreifen auf ihrem Körper wollten, konnten in einem der abschirmten FKK-Bereiche alle Hüllen fallen lassen. Komfortable Hotels versprachen Urlaubern aus aller Welt einen angenehmen Aufenthalt. Breite Wege, umsäumt von Zypressen, führten durch den großzügig angelegten Park mit seinen Tennis- und Minigolfplätzen und einem Swimmingpool. Von der Landebrücke aus konnten die Urlauber Schiffsausflüge zur südlich gelegenen Halbinsel Nessebar unternehmen. Im Norden leuchteten die weißen Kalksteinwände des verträumten Städtchens Baltschik mit dem azurblauen Himmel um die Wette. Sogar die Steilküste des sagenumwobenen Kap Kaliakra war zu sehen. Dort sollen sich während der Türkenherrschaft bulgarische Jungfrauen mit ihren Zöpfen aneinander gebunden und ins Meer gestürzt haben, weil sie nicht im Harem eines Paschas enden wollten.

Ich suchte mir ein Restaurant mit Meeresblick, denn nach diesem zauberhaften Panorama wollte ich nunmehr die schmackhafte Balkanküche genießen. „Yoghurt?“ fragte ich den Kellner, er schüttelte den Kopf. „Gut, dann Salat und Küfteten“, wieder schüttelte er den Kopf. „Gefüllte Paprikaschoten?“, er notierte eifrig. „Zum Nachtisch Pfirsiche“, ich wunderte mich schon nicht mehr, als er wieder den Kopf schüttelte, und bestellte Melone. Bulgarien leidet gerade unter einer wirtschaftlichen Krise, da gibt es eben Engpässe.

Als der Kellner das Tablett schwungvoll auf meinem Tisch absetzte, wollte ich meinen Augen nicht trauen. Da war eine Schale mit Yoghurt zum Schneiden dick, wie ihn nur die Bulgarien herzustellen wussten, ein Teller Schopensalat aus Tomaten, Gurken, Paprika, Zwiebeln, Petersilie und geriebenem Schafskäse, eine Portion gegrillte Fleischklößchen, Küfteten genannt, die lecker nach dem typisch bulgarischen Gewürz Tschubritza dufteten, eine Terrine mit gefüllten Paprikaschoten in scharfer Tomatensoße mit Reis als Beilage, zwei pralle Pfirsiche, von der Größe eines Babypopos und ein Stück rotleuchtende Melone, aus der der Saft nur so heraustropfte. Sprachlos saß ich vor meinem 6-Gänge-Menü. Ich aß bis ich zum Platzen voll war. Der Kellner brachte mir auf Kosten des Hauses einen hochprozentigen Pflaumenschnaps; den konnte ich jetzt gut gebrauchen. Völlig geschafft legte ich mich unter einen Sonnenschirm und blätterte in meinem Reiseführer. Plötzlich bekam ich einen Lachanfall. Da stand:

Bitte beachten Sie: die Bulgaren schütteln den Kopf, wenn sie „Ja“ meinen und nicken bei „Nein.“