Reiseberichte
Mit dem Auto durch Dänemark und Südschweden
Autor: Jens Freyler
Datum: Sonntag, Juli 15th, 2007

Der Gral der Könige
Tag 12: Mölle – Helsingborg – Helsingör – Roskilde – Hamburg
Eigentlich wollten wir zurück nach Dänemark den Weg nehmen, den wir kamen. Aber vielleicht gibt es da ja noch eine Alternative. Zwischen Helsingborg und Helsingör verkehrt die kürzeste Fährverbindung der beiden Ländern. Wenn der Preis für die Fähre ok ist, dann wollen wir diese nehmen und die gewonnene Zeit zu einem Besuch von Roskilde in Dänemark nutzen, beschließen wir.
Auf der 111 nach Süden nehmen wir nur noch einen Abstecher wahr. Sofiero, ein ehemals königliches Hochzeitsgeschenk, ist ein Schloß mit ausgeprägten und hochgelobten Gartenanlagen. Dort wollen wir kurz vorbeischauen auf dem Weg nach Helsingborg. Das Schloß liegt nur unweit der 111 gegenüber einem fast leeren Parkplatz und hinter hohen Gittern, wie sich erweist. DM 6,- pro Person Eintritt möchte man uns abknöpfen dafür, daß wir etwas durch die Gartenanlagen laufen dürfen. Wollen wir nicht lieber nach Roskilde?
Noch ein Photo durch die Gitterstäbe und wir steigen wieder ins Auto. Schlösser haben wir genug gesehen, ausgezeichnete Gärten erst gestern mit Norrvikens trädgadar. Wir setzen also unseren Weg nach Helsingborg fort.
Die Stadt empfängt uns mit einem Straßengewirr, das an Göteborg erinnert und wir folgen erstmal den Schildern zum Fähranleger, um uns bezüglich einer möglichen Überfahrt zu informieren. Zahlreiche Kurven lang bleiben wir den Schildern treu, bis man uns plötzlich auffordert, uns zu entscheiden zwischen HH-Ferries und Scanlines. HH bedeutet wahrscheinlich Helsingborg-Helsingör aber wir identifizieren es sofort mit dem Autokennzeichen von Hamburg, weswesen diese Fährgesellschaft erste Priorität genießt.
Wahrscheinlich macht es von den Preisen auch keinen Unterschied. Die Infotafeln vorm Kassenhäusschen erscheinen uns nicht ganz eindeutig und wir stellen unseren Wagen ab, um uns näher zu erkundigen. Knapp DM 50,– kostet die Überfahrt (kaum verwunderlich, daß der Preis knapp unter dem der Öresund-Brücke liegt, oder?) und die nächste wird in wenigen Minuten ablegen. Der Fährverkehr findet fortlaufend statt.
So schnell wollten wir mit der Entscheidung gar nicht konfrontiert werden und sind etwas überrascht, von Schweden nun doch so unvermittelt Abschied nehmen zu müssen. Aber mit dem Fähranleger in Sichtweite tun wir es trotzdem. Wir bezahlen, passieren die Schranke und lassen uns in eine Wartespur einweisen. Ungeschützt an der Ostseeenge zerrt ein harter Wind an uns, als wir das Auto verlassen, um etwas die sonnige Frische zu genießen. Eine Fanta aus einem Automaten zehrt noch ein paar nunmehr überflüssige schwedische Münzen auf und wir beobachten das Anlegen des Fährschiffes.
Schnell ist es entladen und schnell fahren wir mit etwa 20 anderen Fahrzeugen auf das Schiff, das sofort wieder ablegebereit gemacht wird. Kaum daß das Schott geschlossen ist und der Motor wieder aufzuheulen beginnt, ertönt eine schwedische Durchsage und schlagartig verlassen alle Mitreisenden ihre Autos und stürmen über Treppen nach oben. Auch wir wollen die Fahrt auf Deck erleben und folgen auf das erste Deck. Leer, aber vom zweiten kann man bestimmt auch viel besser sehen. Doch auch dieses ist leer. Wo sind all die Passagiere hin? Bedeutete die Durchsage etwa “alle Mann zu den Rettungsbooten, wir sinken”? Aber auch die Rettungsboote pendeln einsam und unberührt an ihren Halterungen.
Irgend etwas muß es also im Innern des Schiffes zu erkunden geben. Kurzzeitig vertreibt die Neugierde das Interesse an der Aussicht und nach einigem Suchen stellen wir fest, daß es vom ersten Deck aus einen Zugang zum Innenraum gibt – und da kann man Duty Free shoppen! Fast Panikartig stürzen sich die von hoher Alkoholsteuer geplagten Skandinavier auf die Vorräte an Bier, Schnaps, Wein und sonstigen Destilaten. Ein passendes Investment für unsere restlichen Kronen? Wir prüfen ein paar Dinge, bei denen wir ein ungefähres Gefühl für den Preis haben und stellen fest, das für einen Deutschen hier kein Schnäppchen zu schlagen ist.
Wir stehen also nur im Weg und flüchten vor den plündernden Horden wieder an Deck. Von hier aus beobachten wir den Weg unseres Schiffes, versuchen den leichten Dunst, der trotz des sonnigen Morgens über den Ufern liegt, zu durchdringen, und die beiden Uferseiten abzuwandern. Helsingborg zeigt sich aus der Fährsicht eher von einer industriellen Seite, Helsingör erwartet uns mit der Fassade des 1420 erbauten Schloß Kronborg, das direkt am Sund liegt. Bis 1857 hat es den Sund auch kontrolliert und Zölle von jedem passierenden Schiff abgefordert.
Staatliche Einbehalte sind auch heute noch der Grund für die Blüte Helsingörs – allerdings mit anderen Ausprägungen. Aufgrund der in Dänemark günstigeren Alkoholsteuer, ist Helsingör eines der Hauptausflugsziele für trinkfreudige Schweden. Entsprechend empfängt uns auch das Stadtbild.
Von der Fähre runter suchen wir uns einen Parkplatz direkt am Marktplatz. Blumenhändler stehen auf dem Markt und wir schauen uns zwischen den Pflanzen um, womit wir nunmehr die letzten schwedischen Kronen loswerden können. Auf einer nahen Bank singen bereits die ersten Schweden alkoholisierte Lieder, obwohl es noch früh am Morgen ist.
Bevor wir einkaufen, schlendern wir noch etwas durch die Stadt. Jeder zweite Laden biete Alkoholika an, avisiert unser Reiseführer, und übertreibt dabei nur marginal. In den schönen Altstadtgassen und in der Fußgängerzone sind die Auslagen der Geschäfte prallgefüllt mit Wein und Schnaps und teilweise stehen die Waren sogar palettenweise vor den Geschäften bereit. In vielen Läden scheint es nicht einmal möglich, einzelne Flaschen zu erwerben, die Preistafeln gehen immer von 3 Flaschen oder 6er Gebinden aus.
Wahrscheinlich sind die einkaufslustigen Schweden für die Stadt am östlichsten Zipfel Dänemarks ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, für das Stadtbild der eigentlich schönen, fast mittelalterlichen Gassen sind die Gäste jedoch kein Gewinn.
Bevor wir unsere letzten Schwedenmünzen in einen kleinen Peperonistock investieren, besuchen wir noch die öffentlichen Toiletten der Tourist Info direkt am Marktplatz. Saubere sanitäre Anlagen erwarten uns dort, doch wir wollen uns eigentlich nicht vorstellen, wie diese in ein paar Stunden aussehen. Wir verlassen die Stadt, die wirklich ihre sehenswerten Seiten hat früh genug, um diese Erfahrung nicht zu machen.
Der Autobahnring und einige kleinere, teils schlecht markierte Straßen führen uns rund um Kopenhagen nach Südwesten. Roskilde, die Stadt, die in meinem Hinterkopf bisher immer mit dem alljährlichen Open Air-Festival verbunden war, soll unser letzter Stop auf dem Weg nach Hause sein.
Doch die Geschichte der Stadt reicht lange vor das Rockspektakel zurück. Bereits die Wikinger siedelten in diesem Gebiet, das ihnen in einem geschützten Fjord die Möglichkeit bot, ihre Schiffe im Schutz des Verborgenen zu Wasser zu lassen und doch Zugang zur offenen See gewährte. König Roar benannte schließlich auch die hier vorgefundene Quelle als Roars Kilde, woraus der heutige Name erwuchs.
Im Zentrum der heutigen Stadt ist eine der vielleicht bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Dänemarks zu finden und obwohl wir in Schweden zahlreiche Sakralbauten besucht haben, insbesondere auch den königlichen Dom von Uppsala, so müssen wir doch festhalten, daß der Dom von Roskilde das beeindruckenste kirchliche Bauwerk dieser Reise ist.
Auch dieser Bau geht ins frühe Mittelalter zurück. 1080 soll hier das erste Bauwerk gestanden haben, 1170 der heutige Dom begonnen und 1280 vorläufig fertiggestellt worden sein. Daß der erste hier beerdigte König bereits 986 n.Chr. gestroben ist, scheint dabei irgendwie ein fragwürdiges Detail zu sein. Bei diesem handelt es sich übrigens um Harald Blauzahn, der gerade mit der zukunftsträchtigen Bluetooth-Technologie (tatsächlich nach ihm benannt!) seine Renaissance erfährt. Seitdem haben 21 weitere Könige sowie zahlreiche kleinere gekrönte Häupter hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Entsprechend prachtvoll ist der Dom, indem viele Königsdynastien ihre eigenen Kapellen und Gruften haben, die auf verschiedenste Art reichhaltigst verziert sind. Zweifellos hat die UNESCO recht gehabt, dieses Bauwerk in die Liste des Weltkulturerbes aufzunehmen.
Eine knappe Stunde verbringen wir in dem Bauwerk, bevor wir auch unsere letzten dänischen Münzen opfern wollen und den “offiziellen Teil” der Reise mit einem würdigen Abschluß versehen. Auf dem Parkplatz vorm Dom zu Roskilde bestellen wir uns zwei echte dänische Hotdogs. Diejenigen, die dies nicht zu würdigen wissen, können weder erfahrene Dänemark-Urlauber sein, noch aus Norddeutschland kommen …
Ab hier sind es rund 400 km Autobahn zurück nach Hamburg. Das Wetter, daß uns an unserem letzten Urlaubstag wirklich belohnt hat, hält an, bis wir von der Insel Fyn auf das Festland überwechseln. Regen setzt hier wieder ein und während Claudia die Augen zufallen, chauffiere ich uns im Rahmen der Möglichkeiten, die die dänischen Verkehrsregeln uns lassen, möglichst schnell nach Hause.
Für uns Wahlhamburger war es höchste Zeit für einen Besuch der liebsten Urlaubsziele der Norddeutschen. In Schweden oder Dänemark ein Ferienhaus mieten und an dem einen oder anderen Tag die Ruhe des Kamins, der Sauna und des Fjordes gegen den Besuch einer schönen, skandinavischen Stadt mit altertümlichem Kern und schmalen Gässchen tauschen, dürfte ein runder, erholsamer Urlaub sein. Kopenhagen und die Städte Südschwedens haben fast allesamt ihren Reiz, Dinge wie die Steinsetzungen von Ales Stenar, die Festungsmauern von Kalmar und der Dom von Roskilde werden sicherlich dauerhaft in unserer Erinnerung bleiben, doch für weitgereiste Individualtouristen mag in Südschweden etwas der Abwechslungsreichtum fehlen.
Doch mit dem erwartet uns sicherlich schon bald wieder die Panamericana…









