Reiseberichte
Mit dem Auto durch Dänemark und Südschweden
Autor: Jens Freyler
Datum: Sonntag, Juli 15th, 2007
Stockholm im Sonnenschein
Tag 7: Stadthaus, Schloß und See
Samstag morgen, Sonnenschein. Wir stehen auf, frühstücken mit Britta und den Kindern und sind gespannt, ob die Fotomotive der Stadt heute farbenfroher sind. Wieder machen wir uns mit der U-Bahn auf den Weg in die Stadt und fahren diesmal bis zu T-Centralen, dorthin, wo wir zwei Tage zuvor unsere Stadttour beendet haben.
Um 12 Uhr wollen wir beim Wachwechsel vor dem Schloß sein. Bis dahin haben wir jedoch noch etwas Zeit und schlendern nach Westen. Wir wollen zum Stadthuset, das neben dem Fernsehturm die zweite Möglichkeit ist, einen Blick von oben auf die Stadt zu werfen. Den besten Blick auf Stockholm, wie man selbst wirbt. Und ich glaube, daß sie damit auch recht haben. Die Lage des Rathauses ist nämlich geradezu ideal dafür. Es liegt auf dem Ostzipfel der Insel Kungsholmen und bietet so einen wunderbaren Blick auf die Riddarfjärden, auf Gamla Stan und auf die Innenstadt.
Doch vor den Ausblick hat der Herr einen Eintrittspreis von DM 3,– pro Person, einen Fahrstuhl, der bis in die Hälte des Turmes führt, und einen merkwürdigen Wandelgang gesetzt. Wir fahren mit dem Fahrstuhl bis in eine Halle, in der eine Sammlung aus Statuen gezeigt wird. Wie man auf die Idee kam, gerade hier Statuen zu sammeln, wird bei einem kleinen Rundgang offensichtlich. Die größte der Statuen war nämlich unmöglich woandershin zu transportieren. Sie ist mehrere Meter hoch und zeigt einen Mann, der die Decke der Halle zu tragen scheint. Nicht einmal zum Knie der Figur können wir greifen und wundern uns, wie die Skulptur jemals ihren Weg hiereingefunden hat.
Weiter geht es in einem merkwürdigen Gang. Quadratisch führt er mit leichter Steigung um den Turm herum. Daß die Steigung kaum merklich ist, ist einerseits angenehm, bedeutet anderseits jedoch, daß wir kaum an Höhe gewinnen. Unzählig viele Quadrate ziehen wir um den Turm, quetschen uns immer wieder an die Wand, wenn Gegenverkehr kommt und irgendwann ist offensichtlich auch der Architekt zur Einsicht gelangt, daß er so nie oben ankommen wird, und läßt Stufen folgen.
Wieder landen wir in einer Kuppel mit ein paar Ausstellungsstücken, auf die wir inzwischen die Lust verloren haben. Wir nehmen uns sofort die Holztreppe vor, die endgültig auf den 106 m hohen Turm führt.
Die Aussicht belohnt uns. Der Himmel schimmert bläulich, Gamla Stan liegt wie eine zu eng gebaute Ansammlung aus Häuserkästchen unter uns und zwei Schiffe einer SAP-Segelregatta kreuzen vor der Altstadt-Insel. In die Umrandung des Turmbalkons eingeprägt sind Erläuterungen verschiedener Landmarken. Wir laufen um den Turm herum und schauen uns die Stadt an, die sich in alle Richtungen bis an den Horizont erstreckt, lenken unsere Blicke jedoch immer wieder zurück auf Riddarfjärden, Riddarholmen und Gamla Stan.
Um nicht zu spät zum Wachwechsel zu kommen, müssen wir wieder runter. Die Treppen und der Wendelgang, dann der Fahrstuhl für Claudia, weitere Treppen für mich. Enge und alte Aufzüge mag ich nicht so besonders und versuche sie zu vermeiden wo immer es geht – zumindest abwärts.
In der Sonne treffen wir uns am Ufer vor dem Rathaus wieder. Gemächlich gehen wir über die Brücke nach Normalm und weiter zum Schloß. Eine große Menschenmenge hat sich bereits versammelt und Polizisten versuchen die Masse so zu arrangieren, daß für die einmarschierenden Wachsoldaten genug Platz bleibt. Zuerst stehen wir recht weit hinten, entdecken dann jedoch eine Gruppe kleinwüchsiger Zeitgenossen und drängeln uns hinter sie. Während ich wartend beobachte, blättert Claudia nochmal im Reiseführer und stellt fest, faß der Wachwechsel erst um 12:15 Uhr stattfindet. Wir haben erst 10 vor 12 also werden wir uns wohl noch etwas die Beine in den Bauch stehen müßen. Aber im Gegensatz zu 60% der Wartenden haben wir einen Platz in der Sonne erwischt, was das Warten deutlich angenehmer macht.
Lange vor der avisierten Zeit hören wir bereits Musikfetzen eines Orchesters. Doch der Wind verweht sie wieder und wir warten weiter. Erneut erklingen sie, werden stetiger und scheinen auf uns zuzumarschieren. Militärisch genau geplant kommen sie um 12:15 um die Ecke zum Schloßhof. Doch die Musikkompanie ist nur die Vorhut, die neue Wachmannschaft folgt und ebenso eine Zeremonie, die man im einzelnen wohl weder verstehen noch wiedergeben muß. Nach einer halben Stunde verlieren wir das Interesse daran, zuzusehen, wie sich einzelne Soldaten gegenübertreten, zurückkehren zu ihrem Regiment, zwei weitere einsammeln, wieder zusammentreffen, sich über irgendwas einigen, wieder auseinandergehen. Dann spielt die Musik wieder. Flaggen werden ausgetauscht, einzelne Soldatengruppen lösen die verschiedenen Wachgruppen ab und das Musikkorps scheint ein Strickmuster auf dem Schloßhof zeichnen zu wollen.
Lustig ist die Vorstellung aber auf jeden Fall und wenn es in den Zeitplan (Sonntags 13:15, im Sommer täglich 12:15, Rest des Jahres nur Mittwoch und Samstag 12:15) paßt, sollte man ihn darauf ausrichten. Allerdings ist es auch durchaus nicht ungeschickt, sich um Tickets für eine Schloßbesichtigung zu kümmern und diese zu starten, bevor der Wachwechsel zu Ende ist.
Zumindest uns gelingt es so, alleine im Ticket Office zu stehen statt als Bestandteil einer Schlange draußen in der Sonne. Die tragische Nachricht ist allerdings, daß die Gemächer heute nicht geöffnet sind, es morgen auch nicht sein werden und vielleicht im Laufe der kommenden Woche wieder zugänglich sind. Das hebelt den Sinn einer Schloßbesichtigung irgendwie aus. Drei Besichtigungsmöglichkeiten bestehen noch, nämlich die Schatzkammer, die Waffenkammer und das königliche Kunstmuseum. Tickets gibt es immer für eine der Ausstellungen zu DM 12,– bzw. für alle vier (inkl. Gemächer) für DM 20,–, was ein guter Deal zu sein scheint. Die Livrustkammaren (Waffenkammer etc.) kosten immer extra (ebenfalls DM 12,–), die Schloßkirche ist im Winter geschlossen.
Wir entscheiden uns für die Schatzkammer im Keller des Schlosses. Der Wert von einigen Kronen, einem Krönungsmantel, ein paar Schwertern, Zeptern und Königsäpfeln mag unschätzbar sein, der Preis von DM 12,– für drei Kellerkammern allerdings schon ziemlich hoch. Trotzdem ist es interessant, die Kronen zu sehen und die Schwerter Gustav Vasas, von denen in eines Landschaftsszenen des schwedischen Reiches eingraviert sind.
Wieder im Sonnenlicht sind wir etwas ratlos darüber, was wir nun tun sollen, da das königliche Paar mit der Schließung seiner Gemächer uns einen Strich durch die Tagesplanung gemacht hat. Die Livrustkammaren (nicht nur Waffen, auch Kleidung, Kutschen etc.) klingen auch interessant und wurden uns empfohlen, aber bei dem Wetter ist es eigentlich zu schade schon wieder in ein Kellergewölbe zu steigen und außerdem haben wir erst gestern auf Schloß Skokloster eine Waffenkammer gesehen.
Wir beschließen am Ufer von Gamla Stan entlang zu gehen und uns die wohl auffallendste Jugendherberge Stockholms anzuschauen. Sie liegt vor der Insel Skeppsholmen vor Anker und ist ein edler weißer Dreimaster. Wie die Kajüten aussehen, wissen wir nicht, aber von außen wirkt das Schiff äußerst einladend und von den Wellen vorm historischen Kerns Stockholm in den Schlaf geschaukelt zu werden, klingt auch vielversprechend. Will man hier übernachten sollte man aber wohl vorbuchen oder muß damit rechnen auf eine der zahlreichen anderen Jugendherbergen Stockholms ausweichen zu müssen.
Weiter geht unser Weg entlang der Kaimauern und wir suchen in der Västerlänggatan und den umliegenden Gassen erneut nach etwas Eßbarem. Unser Hunger auf asiatische Küche ist noch immer nicht gestillt und es sollte doch neben den ganzen Italienern in Gamla Stan noch eine Alternative geben. Wir finden sie am Südzipfel der Insel mit dem Restaurant Formosa direkt am Kornhamns Torg und essen ganz gut und zu angemessenen Preisen obwohl es keine Mittagskarte gibt.
Gestärkt wollen wir die Sonnenstrahlen weiter nutzen. An der Westseite gehen wir am Ufer der Insel entlang bis wir über eine Brücke nach Riddarholmen kommen. Hier findet sich auch die Riddarholmskyrkan, eine Kirche in der einige schwedische Könige ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Eigentlich wollen wir einen Blick reinwerfen, nachdem wir allerdings bereits so viele Kirchen gesehen haben, glauben wir nicht, daß wir noch für eine Eintritt bezahlen müssen.
Also sehen wir von einer Besichtigung ab und gehen statt dessen hinunter zum Ufer, wo inzwischen eines der beiden Segelschiffe als Sieger bejubelt wird, während das andere sich noch im Anlegemanöver befindet. Ein Zelt ist aufgebaut, Tische und Bänke sind gut mit Besuchern gefüllt, die mit ihren braunen Gesichtern in dicken Pullover und Windbreakern deutlich dem Bild von Software- und Unternehmensberatern entsprechen. Wie kann man in Schweden nur so braun werden?
Wir setzen uns einige Minuten auf eine Bank und verfolgen das Anlegemanöver und das Einholen der Segel bevor wir unseren Weg landeinwärts fortsetzen. Wir wechseln wieder aufs Festland und machen uns langsam durch verschiedene Einkaufsstraßen auf den Weg zum Östermalmstorg.
Über die Fredsgatan geht es zu den Kundsträdgarden, wo uns tatsächlich ein Schauer überrascht. Doch wir haben Glück. Im Vorfeld des für den kommenden Tag geplanten Innenstadtmarathons sind hier zahlreiche Zelte der Sponsoren aufgebaut, in denen wir Unterschlupf finden und gleichzeitig der Livemusik auf der Bühne folgen können.
Der Regen hält nicht lange an und wir entdecken tatsächlich die reizvollen Einkaufsstraßen Stockholms, die Norrlandsgatan und Birger Jarlsgatan, in denen viele nette kleine Boutiquen zu finden sind. Auch H&M, bei uns hinlänglich bekannt durch H&M und H&M Kids kann hier mit einem weitaus größeren Angebot in separaten H&M Man und H&M Woman-Läden aufwarten.
Zurück am Östermalmstorg haben die Salu Hallen inzwischen geschlossen. Doch wir sind sowieso geschafft genug, unsere Füße platt. Wir steigen in die nächste U-Bahn und beschließen unseren Stockholmbesuch hiermit offiziell.









