Reiseberichte
Mit dem Auto durch Dänemark und Südschweden
Autor: Jens Freyler
Datum: Sonntag, Juli 15th, 2007

Was wollten wir nur in Örebro ?
Tag 8: Täby – Mariefred – Mälbyborg – Arboga – Örebro
Was wollten wir nur in Örebro? Die Frage beschäftigte uns am Abend zuvor und auch an diesem Morgen als wir ein letztes Mal an Brittas Frühstückstisch sitzen. Unsere Reiseroute für diesen Tag lauten Täby (bei Stockholm) – Örebro. Aber zwischen diesen beiden Orten finden wir in unseren Reiseführern auf Anhieb gar nichts, das uns besuchenswert erscheint.
Egal, Stockholm bringen wir auf jeden Fall hinter uns, packen unsere Koffer, nehmen den Reiseproviant dankend an und steuern auf der Autobahn Richtung Südwesten.
Birka würde mich reizen, doch die Wikingerstätte ist auf einer Insel und ob und wie regelmäßig zu dieser Jahreszeit die Boote dahin übersetzen wissen wir nicht. Wir passieren Södertälje, wechseln die Autobahn und fahren nahe Mariefred ab.
Auf dem Weg nach Mariefred sehen wir einige Papierschilder an Bäumen, die teils von Auktionen, teils von etwas anderem schwedischen sprechen. Heute soll es sein und irgendwo in die andere Richtung.
Doch zuerst fahren wir weiter. Direkt vor Mariefred liegt Schloß Gripsholm. Beeindruckend liegt es idyllisch auf einer Halbinsel im Mälarensee und in der zeitweise hervorblinzelnden Sonne wirken die Rundtürme aus rotem Backstein besonders. Vielleicht oute ich mich jetzt als Kulturbanause, aber obwohl mir der Name Tucholsky ein Begriff ist, wußte ich nicht, daß es von ihm ein Buch mit dem Titel “Schloß Gripsholm” gibt und auch nicht, daß er hier gelebt hat und begraben liegt. Doch die Geschichte des Schlosses beginnt eigentlich viel früher. 1370 errichtet erhielt es 1537 von Gustav Vasa die heutige Form.
In seinem Innern sind zum Teil möblierte Gemächer, vor allem jedoch eine umfangreiche Gemäldesammlung zu begutachten. Mein Kontingent an Schlössern ist im Moment gedeckt und auch Claudia möchte für DM 12,– sich die gemäldelastige Ausstellung nicht anschauen.
Wir schauen uns stattdessen die mächtigen Kanonen im Innenhof an, umrunden das Gemäuer und beäugen es aus verschiedenen Blickwinkeln. Den besten erhalten wir jedoch, als wir anschließend nach Mariefred fahren und unser Auto am Ufer abstellen. Von hier aus kann man die gesamte Idylle erfassen. Die runden Türme des roten Schlosses, das fast die gesamte grüne Insel bedeckt und das Wasser, das Gripsholm fast vollständig umringt.
Auch Mariefred ist ein liebenswertes Örtchen, dem man einen Rundgang gönnen soll. Idyllisch, ruhig, schlafend wirkt der Ort. Doch selbst an diesem Sonntag hat ein witziger Kitschladen am Marktplatz geöffnet, in dem es alte und überdesignte Gebrauchsgegenstände gibt. Die Gässchen sind mit Kopfsteinpflaster ausgelegt, die Häuser hölzern und bunt, die Polizeiwache hat zwei Stunden pro Tag geöffnet. Ob Sonntags überhaupt weiß ich nicht. Aber der Polizist war wahrscheinlich das letzte Mal im Einsatz als er vor einigen Jahren verhindern mußte, daß Passanten zu neugierig auf den Set eines Astrid Lindgren-Films drängten.
Wir durchwandern den Ort (wir haben ja Zeit, denn was sollen wir in Örebro!) und erreichen den Friedhof nördlich des Zentrums. Auch diesem statten wir einen Besuch ab und schauen uns das Grab Tucholskys an, das letztlich nicht besonders sehenswert ist.
Zurück geht es über die gleichen Straßen. Diesmal unterqueren wir die Autobahn und folgen den Pappschildern, die uns in einen Ort an der anderen Seite der Bucht führen. Ein Supermarkt ist hier und vielleicht 10 weitere Häuser. Die Zahl der Autos ist um ein vielfaches höher. Hier muß tatsächlich irgend etwas los sein.
Was uns erwartet ist ein ganzer Ort im Garage Sale. Fast in jedem Haus findet ein kleiner Flohmarkt statt. Doch die Hauptattraktion entdecken wir in einer Halle neben dem Supermarkt: Die Auktion. Die Halle ist voller Menschen und an den Wänden entlang stehen prall gefüllte Umzugskisten. Nach einem Schema das wir nicht verstehen bringen Menschen ihre Kisten nach vorne und ein Mann mit Mikrofon versteigert den Inhalt, Kiste für Kiste. Einige Stücke daraus hält er hoch und zeigt sie, scheint mit schwedischen Worten zu umreißen, was er sonst noch darin sieht und nimmt natürlich auch in schwedisch die Gebote entgegen.
Wir beobachten einige Zeit und können schließlich auch die schwedischen Zahlen deuten und somit dem Fortgang der Auktion folgen. Doch die Halle ist so voll, daß wir kaum eine Chance haben, uns einen Eindruck vom Inhalt der offenstehenden Umzugskisten zu verschaffen und mit seinen Beschreibungen können wir wenig anfangen.
Doch wir glauben einige professionelle unter den Bietern zu identifizieren und sind sicher, daß dies der Ort ist, um Schnäppchen zu machen. Wir allerdings verlassen die Halle und amüsieren uns draußen über die erfolgreichen Ersteigerer, die ihre Beute auswerten. Die guten Sachen ins Auto, die schlechten wandern direkt in die großen Mülltonnen. Ich gebe zu, es reizte mich einen Blick hineinzuwerfen, aber die Dinge, die dort drinlagen waren geschmacklich nicht auf meiner Wellenlänge.
Ab der Abfahrt Mariefred wird die Autobahn eher zu einer Landstraße, auf der wir den Weg bis Vansö fortsetzen. Dort zweigen wir ab, nicht um eine konkrete Attraktion anzusteuern, sondern um die schöne Gegend am Mälaresee auf ländlicheren Straßen zu erkunden. Wir fahren durch eine ruhige Landschaft und suchen uns unseren Weg vorbei an alten Kirchen, durch kleine Dörfer, über eine Brücke die einen Seitenarm des Sees überspannt und an der der ideale Ort für ein Ufercafé gewesen wäre (aber mangels potentieller Gäste gibt es keines) und wieder durch weitere Dörfer.
So kommen wir Richtung Mälbyborg, wo wir uns zwei kleine Sehenswürdigkeiten versprechen. Die erste ist Sigurdsristning, Runenzeichnungen, die in einen großen Felsen eingeritzt sind und die Geschichte von Sigurd beschreiben, der nicht nur wegen seiner Namensähnlichkeit als gotischer Siegfried gesehen wird – auch wenn er keinen Drachen getötet hat.
Neben der Felszeichnung erwecken die zahlreichen Pilze unsere Aufmerksamkeit, die hier groß und vielfältig aus dem Boden sprießen. Zum ersten Mal bin ich mir bewußt, daß ich obwohl auf dem Land aufgewachsen wohl noch nie einen echten Fliegenpilz gesehen habe. Eigentlich sind sie wirklich schön mit ihren runden, knallroten Schirmen und den weißen Punkten.
Schloß Sundbyholm, das wir fast nicht finden, ist die zweite Sehenswürdigkeit. Wäre es nicht ausgeschildert gewesen, wären wir an diesem Gebäude auch noch vorbeigefahren. Was macht eigentlich ein Schloß aus? Die Tatsache, daß es wie eines aussieht oder daß ein Adliger mal darin gewohnt hat? Hier kann es nur die letztere Tatsache gewesen sein. Was wir sehen ist ein großes, rechteckiges, weißes Gebäude. Im Erdgeschoß befindet sich ein Restaurant, das bei gutem Wetter mit einer schönen Gartenterrasse aufwartet, die Treppe zum Obergeschoß führt in unverschlossene Räumlichkeiten, die zwar antik aber auch nicht opulent eingerichtet sind.
Im Restaurant scheint heute eine geschlossene Gesellschaft zu sein, so daß wir auf ein Stück Kuchen verzichten. Aber vielleicht gibt es am Hafen ja noch ein kleines Café? Und tatsächlich werden wir fündig. Der Hafen liegt in einer schönen kleinen Bucht und ist trotz der späten Jahreszeit noch voller Boote. Ein paar Bootsleute sitzen auf einfachen Bänken vor einem kleinen Ladencafé und auch wir gesellen uns dazu. Zwei Zimtschnecken nehmen wir zu Kaffee und Kakao und setzen uns in den Wind. Wir genießen die beschauliche Hafenatmosphäre und die warmen Getränke, die eine willkommene Abwechslung zu unserer Reisebar aus Tee, Wasser und Eistee sind.
Landstraßen führen uns nach Eskiltuna. Ein Bild von den Rademacherschmieden wollen wir uns in der Stadt verschaffen, bevor wir wieder auf die Hauptstraße auffahren. Täglich 10 – 16 Uhr preist unser Reiseführer die Öffnungszeiten des Freilichtmuseums an, in dem Handwerker ihrer Arbeit nachgehen. Um 15:45 Uhr fahren wir auf den Parkplatz und wollen zumindest wissen, was wir in unseren Bericht schreiben sollen. Ergebnis: Traue keinem Reiseführer, wenn es um Öffnungszeiten geht!
Also doch nach Örebro. Die E 20 führt weiter nach Westen, kringelt sich in Arboga um einen Kreisel und – Halt! Hier entdecken wir, was wir gesucht haben! Bereits mehrfach haben wir auf dieser Reise an den Autobahnen Route 66-Restaurants gesehen. Als alte Route 66-Reisende hat uns dies fasziniert und wir haben jedesmal bedauert, daß wir zu absolut blöden Zeiten an den Raststätten vorbeigefahren sind.
16:45 Uhr. Zu früh zum Abendessen. Egal! Wir fahren auf den Parkplatz und beginnen mit einem Foto des Gebäudes, was sicherlich bei den drinnen sitzenden Gästen schon Verwunderung hervorgerufen hat.
Route 66 ist die amerikanische Mother Road, der Traum vom Westen, ein Sinnbild des Weges in die Freiheit, ein Stück US-Pioniergeist. Burger, Ketchup und Coke haben wir automatisch mit dem Straßenschild an einem Restaurant versinnbildlicht. Claudia nimmt einen Burger aber mir sehen diese alle zu sehr nach Raststätte aus und ich entscheide mich für ein halbes Grillhähnchen und ein Bier. Weder typisch amerikanisch noch schwedisch, oder?
Bei Promillegrenze 0,2 fährt Claudia weiter, eine Berührung mit der Polizei hat mir gereicht. Und tatsächlich fahren wir an diesem Tag nur bis zu unserem geplanten Etappenziel Örebro. Zugegeben, man hätte an einem Tag schneller und weiter reisen können, aber insgesamt haben wir doch eine kleine Reihe netter Erkundungen hinter uns gebracht, von denen Gripsholm und die Auktion sicherlich die Highlights waren. Doch tatsächlich soll am nächsten morgen auch noch Örebro durchaus seine Sehenswürdigkeit präsentieren.
Wir checken in das Wandererheim ein, das nördlich des Stadtkerns in eine ehemaliges Kasernengebäude eingezogen ist. Die benachbarten Gebäude werden immer noch als Kaserne genutzt und wir hoffen, daß der Morgenappell uns nicht ebenfalls hochschrecken läßt. Mit Lesen und Schreiben geht der Tag zu Ende. Zwischendurch unternehme ich noch einmal einen kleinen Spaziergang zum Auto, um mit ein paar Süßigkeiten das Loch in meinem Magen zu überbrücken. Das halbe Hähnchen um 5 Uhr nachmittags hat für mich doch nicht gereicht, um ohne Hunger die Zeit bis zum Einschlafen zu überbrücken.









