Reiseberichte


Indian Summer
In den Neuengland-Staat & New York


Autor: Jens Freyler
Datum: Sonntag, Juli 22nd, 2007

Jens als Baywatcher am Barnstable Beach

Strände, Häfen, Herrenhäuser
Tag 10 : South Yarmouth – Newport – Mystic – Essex – Middletown

Nach 10 Tagen unserer Reise wird es langsam Zeit, die Zurückgebliebenen über unser Wohlergehen zu informieren. So beginnt der nächste Morgen für Claudia im kleinen Postamt von Yarmouth, während ich nur wenige Meter weiter vor einem Antiquariat stöbere. Vor dem Antiquariat wohlgemerkt, denn unter einem Unterstand sind mannshohe Regale an der Außenwand des Hauses angebracht. Der Einkauf funktioniert recht einfach: Bücher auswählen und die entsprechenden Dollar durch den Briefschlitz in den Laden werfen. Bei drei Paperbacks für USD 1 ist die Betrugsgefahr für den Ladenbesitzer wohl äußerst gering. Auch wir sind ehrlich und kaufen für einen Dollar ein.

Von den Stränden von Cape Cod haben wir noch viel zu wenig gesehen. Sehr schön soll Barnstable Beach sein, was sich auch bewahrheitet. Der steife Wind, die heranrauschenden Wellen und die Einsamkeit des Strandes erinnern uns etwas an die herbstliche Ostsee. Vielleicht fühlen wir uns als zugewanderte Norddeutsche auch gerade deswegen hier wohl und genießen die Ruhe, die die Situation vermittelt. Bevor uns die Finger einfrieren frühstücken wir unsere Cookies jedoch im Auto.

Wir verlassen den Strand, steuern unser Auto Richtung Südwesten und überqueren die Grenze nach Rhode Island. Der kleinste Bundesstaat der USA besteht fast nur aus einem riesigen Naturhafen, in dessen Mitte Newport liegt. Der Weg nach Newport stellt im wahrsten Sinne des Wortes Island Hopping dar. Während man sich der Stadt nähert und den Blick über verschiedene kleine Felseninseln schweifen läßt, gewinnt man den Eindruck, Brücken seien die Hauptbauwerke von Rhode Island. Erst in Newport selbst wird man eines besseren belehrt.

Das Zentrum von Newport zieht sich entlang des Hafens und die steilen Gassen hinauf zum schmalen Kamm der Insel. Wir stellen unser Auto ab und laufen durch den mediterran wirkenden Ort. Hier sollte man die Erkundung von Newport auch beginnen, um nicht den Bezug zu Schönheit und Größe zu verlieren. Trinity Church und Touro Synagoge können wir uns leider nur von außen anschauen und über die Old Stone Mill, ein Bauwerk, das u.a. den Wikingern zugeschrieben wird, runzeln wir etwas die Stirn. Darüber hinaus sind der Hafen und die Häuser der Stadt an sich eine Sehenswürdigkeit.

Wer sich allerdings die wahren Herrenhäuser von Newport anschauen will, sollte die Bellevue Avenue und den Ocean Drive entlang der Südspitze der Insel wählen. Man gewinnt den Eindruck, als hätten alle Königshäuser dieser Welt eine Filiale in Rohde Island eröffnet, wenn man diesen Straßen folgt. Daß wir weite Strecken in Schrittgeschwindigkeit fahren stört niemanden, denn kaum einer ist schneller unterwegs. Die anderen Reisenden, weil sie ebenfalls Ausschau halten nach den Herrenhäusern, die Einheimischen, weil schnell fahren nicht zu einem Rolls Royce paßt. Einige der sogenannten Mansions kann man auch von innen besichtigen. Für The Breakers, das größte unter ihnen, wird ein Eintritt von USD 12 pro Person verlangt, für alle 10 Herrenhäuser vergleichsweise geringe USD 47.

Uns reicht der Anblick von außen auf die Gebäude und deren obligatorische Parkanlagen und die Sicht vom Ocean Drive auf die offene See.

Über Brücken verlassen wir Newport wieder nach Westen und bleiben auf der Küstenstraße.

Nobles Herrenhaus in NewportKurz hinter der Grenze von Connecticut erwartet uns Mystic. Erneut ein Küstenstädtchen und erneut spielt der Hafen hier die Hauptrolle. USD 12 möchte man hier als Eintritt für den Mystic Seaport von uns haben. Ein Freilichtmuseum, in dem man alte Schiffe besichtigen kann, Schauspieler in zeitgemäßen Kostümen herumlaufen und Handwerker die Kunst vergangener Tage demonstrieren. Das ganze kommt uns irgendwie bekannt vor und nachdem das älteste der vier hier ausgestellten Schiffe aus dem Jahr 1842 ist (dafür Original), bezweifeln wir, daß der Mystic Seaport mit der Mayflower II konkurrieren kann und lassen den Hafen zurück.

Stattdessen wählen wir das Old Mistick Village nur einen Kilometer weiter nördlich, in dem man den Touristen nicht mittels Eintrittspreis, sondern mittels Handel und Gastronomie das Geld aus der Tasche ziehen will. Auch hier ist ein altes Städtchen nachgebaut worden, auch hier kann man altes Handwerk beobachten und auch hier empfindet es so mancher Verkäufer oder Gastwirt als verkaufsfördernd, wenn er altertümliche Kleidung trägt. Auch dies ist nett anzuschauen und in einigen der Geschäfte findet man Sachen, bei denen es in den Fingern juckt, aber auch dies ist kein Muß.

Anker vor dem Mystic SeaportEher eine Herausforderung als ein Muß ist auch Ye Olde Towne Mill in New London. Es ist nicht leicht, die alte Mühle aus dem Jahr 1650 zu finden und wir tun uns auch schwer, unser Auto unbeobachtet stehen zu lassen, als wir die richtige Stelle erreichen. Die Mühle steht umgeben von einem Jägerzaun mit einem kleinen, nicht verschlossenen Türchen auf einer grünen Wiese – unmittelbar unter einer Brücke der Interstate 95. Entsprechend finster wirkt die Gegend, wie ohne Tageslicht hier Gras wachsen kann, wird wohl ein Rätsel bleiben, ebenso wie die Frage, wie so ein heruntergekommenes Häusschen in unseren Reiseführer kommt. Oder sollte man fragen, warum man ein solch geschichtliches Gebäude so verwahrlosen läßt ?

Die nächste Auffahrt auf die Interstate 95 nutzen wir und fahren weiter bis Old Saybrook, wo wir ins Conneticut Valley abbiegen.

Essex ist das alte Hafenstädtchen, welches wir hier aufsuchen. Im Sommer ein Tummelplatz der High Society mit gut gefüllten Marinas und schönen Yachten, präsentiert der Ort im Herbst vor allem seine kleinen Kapitänshäusschen und das Old Grisvold Inn. Seit 1776 gibt es hier Speisen und Lager für die Reisenden zu Lande und zur See. Auch wir wollen beides hier in Anspruch nehmen, müssen jedoch realisieren, daß das Old Grisvold Inn eher auf die High Society eingerichtet ist – in Bezug auf Speisekarte, Komfort und Preis.

Plan B ? Wir fahren weiter ins Conneticut Valley hinein. Statt auf die Hauptstraße zurückzukehren, klappern wir die kleinen Ortschaften ab und suchen nach einem Schild, daß uns auf eine Unterkunft hinweist.

Eine vermeintliche Attraktion liegt dabei auf dem Weg. In Chester nehmen wir die Straße zum Fähranleger und blicken über den Conneticut River auf die andere Flußseite. Dort hat William Gillette (ehemaliger Sherlock Holmes-Darsteller) seine Vision eines Herrenhauses verwirklicht. Angeblich bezog er die Inspiration dazu von den Rheinburgen. Wenn man den Zoom der Kamera scharfstellt, glaubt man jedoch eher, Einflüsse aus Transsylvanien zu erkennen. Das Gruselschloß ist auch zur Besichtigung geöffnet, uns reicht jedoch der Blick aus der Ferne.

Bis Middletown wollen wir unsere Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit noch fortsetzen, bevor wir nach Essex zurückkehren. Und tatsächlich finden wir dort ein ordentliches Motel mit akzeptablem Preisverhältnis. Zudem kommt es uns entgegen, wieder einmal in einem Städtchen mit ein paar Auswahlmöglichkeiten zu übernachten. Was das Essen angeht, fällt unsere Wahl auf ein Subway (Fast-Food-Kette), was die Abendgestaltung angeht auf ein nettes Pub in der Main Street, in dem wir uns bei guter Musik und Cider niederlassen.

Pages: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11