Reiseberichte
Indian Summer
In den Neuengland-Staat & New York
Autor: Jens Freyler
Datum: Sonntag, Juli 22nd, 2007

Allein unter Frauen
Tag 11 : Middletown – East Haddam – New Haven (Yale) – Newark – New York
Der nächste Morgen führt uns wieder an den Connecticut River. Sehenswert ist bereits die Brücke, über die wir den Fluß nach East Haddam überqueren. Vom Westufer kann man auch schon die überraschendste Attraktion des kleinen Ortes sehen. Das Goodspeed Opera House wirkt irgendwie deplaziert neben der monumentalen Brücke und vor Bäumen die hoch genug sind, um die Häuser von East Haddam zu verstecken. Doch früher kamen die Schönen und Reichen mit dem Dampfschiff von New York auf dem Connecticut heraufgefahren und suchten in diesem Opernhaus eine Abwechslung vom Stadtleben.
Und tatsächlich lebt das Opernhaus auch heute noch und testet Musical- und Ballet-Inszenierungen bevor sie auf den Broadway dürfen. Also auch heute noch ein Zentrum der Kultur. Das Opernhaus ist aber verständlicherweise so früh am morgen noch geschlossen und wir können nur die Fassade bestaunen. Aber da ist noch irgend etwas anderes – irgend etwas ist nicht typisch amerikanisch in diesem Ort.
Uns zieht der Duft von frischen Backwaren in die Nase und wir schnuppern uns durch die Straßen, verlieren den Duft, kehren um, versuchen eine andere Richtung und stehen schließlich vor der Landing Market Bafe & Bakery. Wir treten ein und sehen eine Hand voll kleiner Tische und eine Theke, hinter der eine offene Backstube ist. Jeder Handgriff kann beobachtet werden und wir können es kaum fassen, daß es mitten in den USA Brot gibt, das nicht pappig ist und aus der Plastiktüte kommt. Wir bestellen uns Kaffee und Tee, suchen uns Donuts, Muffins und Brötchen aus und merken erst beim Essen, daß unsere Augen viel größer waren als unser Magen. Aber kein Dollar ist verloren, alles was wir nicht geschafft haben wickeln wir in Servietten ein, kaufen uns noch was dazu und verlassen nach einem völlig unamerikanischen Frühstück (zu gut, zu selbstgebacken, zu viel Zeit genommen!) das Landing Market wieder. Wen die Brücke und das Opera House nicht überzeugt hat, diese Bäckerei lohnt einen Abstecher !
Gut gesättigt kehren wir wieder zurück zur Küste und nehmen den Highway nach New Haven. Der Name der Stadt ist international bei weitem nicht so bekannt, wie das, was sie auszeichnet, die Yale University. Wir müssen etwas suchen, bis wir das Stadtviertel finden, was in New Haven kaum ausgeschildert ist, weil es wohl die erste Voraussetzung für die Aufnahme an der Elite-Universität ist, den Weg dahin zu finden.
Aber wir schaffen es und parken zwischen Old Campus und Public Green. Es ist ein sonniger Tag und Studenten liegen und sitzen zusammen auf den Rasenflächen. Es sieht so aus, als könnte es Spaß machen, hier zu studieren. Wir suchen die Visitor Information in der Elm Street auf und erfahren, daß die nächste kostenfreie Tour kurz bevorsteht und der dazugehörige Film gerade begonnen hat. Vier Amerikaner sitzen bereits in dem kleinen Raum und folgen einem Film, der ganz offensichtlich dafür gemacht ist, Eltern davon zu überzeugen, daß nur Yale die Zukunft ihrer Sprößlinge sichern kann und die Elite-Uni die Studiengebühren wert ist – übrigens mindestens USD 35.000 pro Jahr.
Wir zählen wohl in dieser Beziehung nicht zur Zielgruppe, aber finden die Führung dadurch um so spannender, die eine der Studentinnen vornimmt. Das Gelände und die Architektur, die teilweise auf das Ende des 18. Jahrhunderts zurückgeht ist genauso interessant, wie eine der wahren Geschichten, die wir erfahren.
Einer der Flügel des Old Campus wurde nach dem Stifter dieses Gebäudes Vanderbilt Hall genannt. Die Vanderbilt Hall wurde zum Mädchenflügel und nachts bewacht, um jegliche Schande von den jungen Studentinnen fern zu halten. Der Stifter hatte jedoch ein Zimmer des Gebäudes besonders edel einrichten lassen und eine schriftliche Zusicherung erhalten, daß immer ein Sproß der Vanderbilt-Familie darin wohnen dürfe. Dies begann ohne Probleme bis nach einigen Jahren nur männliche Kinder im studienfähigen Alter zur Verfügung standen und das Kollegium dem jungen Vanderbilt den Einzug in die Vanderbilt Hall untersagte. Doch dieser bestand auf das Erbrecht, bemühte ein Gericht und gewann. Er war der einzige Mann, der allein unter Frauen in der Vanderbilt Hall wohnen durfte. Immer noch wurde das Gebäude bewacht, doch ein Mann war drin. Und wie es kommen muß, wurde eine der Mitstudentinnen seine Frau.
Vielleicht ist es aber auch zu einem Teil ihm zu verdanken, daß heute männliche und weibliche Studenten im gleiche Gebäude untergebracht werden und zusammen studieren können.
Unsere Tour endet in der Meinecke Rare Book and Manuscript Library. 180.000 antiquarische Bücher lagern hier, darunter u.a. ein Original der Gutenbergbibel, in einem abgesicherten und bewachten Glasturm. Bücher dürfen hier von registrierten Studenten unter Nachweis eines Grundes eingesehen werden. Besucher wie wir dagegen, dürfen sich nur auf den rundum angeordneten Ausstellungsflächen bewegen.
Nachdem die Frauen heutzutage selbst auf sich aufpassen, müssen in Yale wohl die Bücher bewacht werden.
Orientierungssinn und ein kartenlesender Beifahrer sind mit Sicherheit erforderlich, um von Connecticut um New York herum nach Newark, New Jersey zu gelangen, wo Avis bereits auf unser Auto wartet. Bereit für längere Diskussionen werden wir jedoch schnell abgefertigt, räumen das Auto, erhalten eine Schlußabrechnung, die diesmal keine Überraschungen aufweist und sind entlassen.
Irgendwie geht damit schon ein Stück unseres Urlaubes zu Ende. Das Auto, das uns 10 Tage lang als Zuhause gedient hat, haben wir abgegeben, unsere sämtlichen Sachen sind wieder in den Rucksäcken, der Indian Summer ist vorbei, die Neuenglandstaaten haben wir zurückgelassen und wir stehen wieder am Flughafen.
Aber da war doch noch was, oder ? Ach ja, New York !
Wir informieren uns kurz und warten dann auf den nächsten Shuttle Bus, der uns zur Port Authority bringen soll, dem Busterminal in Lower Manhattan. Von hier aus wechseln wir in die Subway und fahren Richtung Columbus Circle an der Ecke Broadway/Central Park. Nicht weit davon ist unsere Bleibe, das Westside Y.
In New York ist eine Jugendherberge die einzig bezahlbare Unterkunft. Wir haben unsere 4 Nächte hier bereits von Deutschland aus gebucht und DM 584,– für 2 Personen gezahlt. Klar daß es nicht viel sein konnte ? Mag sein, viel hatten wir auch nicht erwartet. Das Westside Y ist eine Jugendherberge mit allen Vor- und Nachteilen. Genial ist sicherlich die Lage direkt am Broadway, nur wenige Meter entfernt von der 5th Ave und dem Central Park. Gut ist es auch, wenn man bereit ist Abstriche zu machen, wie z.B. daß das Doppelzimmer aus einem Etagenbett besteht, man Gemeinschaftsduschen und -toiletten benutzen muß und zwei Zimmer weiter eine Tür vom NYPD versiegelt ist. Ein Mordfall oder Kakerlaken ? Wir beschließen uns keine Gedanken zu machen und versuchen möglichst nicht jedesmal auf den Aufkleber zu schauen, wenn wir vorbeigehen.
Aber letztlich ist das Zimmer nur zum Schlafen da, es ist sauber genauso wie die Duschen und die Toiletten, wenn man sie zur richtigen Uhrzeit nutzt (nachmittag/vorabend). Die meiste Zeit werden wir sowieso im Big Apple verbringen und gleich den ersten Abend beginnen wir mit einem Spaziergang über den Broadway …










