Reiseberichte
Indian Summer
In den Neuengland-Staat & New York
Autor: Jens Freyler
Datum: Sonntag, Juli 22nd, 2007

In der Wiege der Nation
Tag 2 : Princeton – Philadelphia – Reading – Lancaster
Da unser Motel kein Frühstück bietet, beschließen wir, dies in Princeton zu suchen. In einer Studentenstadt wird es doch wohl schöne Frühstückscafés geben und sich uns gleichzeitig die Gelegenheit bieten, die Stadt auch nochmal bei Helligkeit zu erkunden.
Dank des Jetlags verlassen wir das Motel schon um 06:00 Uhr morgens und erkunden das Universitätsgelände. Lediglich Eichhörnchen sind schon so früh wach und mit uns unterwegs. Große Teile des Universitätsgeländes bestehen aus beeindruckenden, altehrwürdigen Gebäuden, die bezeugen wollen, daß hier seit 1756 Wissen vermittelt wird. Irgendwie können wir uns das Leben an der Universität vorstellen und wir glauben auch, daß es Spaß macht, hier zu leben und zu lernen – oder vermischen sich in unseren Gedanken nur die Bilder mit Szenen aus Beverly Hills 90210 ?
Auch den gesuchten Hinweis auf eine Halloween-Party finden wir. Ein großes Banner zieht sich über einen der Wege und beschreibt uns, was wir in der vergangenen Nacht verpaßt haben.
Schließlich finden wir mit Buck’s Bagel auch einen typisch amerikanischen Coffee-Shop, sind allerdings wie auch ein paar andere Gäste einige Minuten zu früh dran. Auf einer Holzbank vor dem Laden warten wir in der Morgensonne bis sich die Türen öffnen und der Geruch von Kaffee, warmen Muffins und Bagels uns entgegenströmt. Wir suchen uns an der Theke etwas aus, setzen uns damit auf die mit Kissen versehene Fensterbank und schauen hinaus in den erwachenden Ort. Obwohl es Montag ist, ist kaum ein Student zu sehen. Die Halloween-Feten scheinen gut gewesen zu sein und ihren Tribut zu fordern.
Nach unserem Frühstück steigen wir wieder in unser Auto, kehren zurück auf die Route 1 und suchen einen Highway, der uns nach Philadelphia führt.
Wir gelangen von Nordosten in die Stadt und landen somit direkt in der Wiege der Nation. In der 2nd Street nahe des Visitors Center finden wir einen Parkplatz, auf dem wir für ein paar Quarter 2 Stunden stehen dürfen. Im Visitors Center sehen wir uns gleich um, übergehen den dort angebotenen Film und machen uns mit einem Plan des National Historic Park Pennsylvania wieder auf den Weg. Dieser National Historic Park ist nichts anderes, als der historische Kern Philadelphias.
Auch muß man für diesen Park keinen Eintritt zahlen, sondern es handelt sich dabei um einige geschichtlich bedeutsame Gebäude im Straßennetz der Großstadt. Trotz der Großstadt sind alle wesentlichen Sehenswürdigkeiten ohne weiteres zu erlaufen.
Und so passieren wir Carpenter’s Hall, First und Second Bank auf dem Weg zur Independence Hall. In der meistbesuchten Sehenswürdigkeit Phyllis wurde am 04.07.1776 die amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterschrieben. Die Beschreibung der angebotenen Tour begeistert uns allerdings nicht. Große Gruppen und lediglich die alten Räume sind zu sehen. Wir schauen uns den Independence Square an und steuern dann auf den Liberty Bell Pavillion zu. Hier ruht die Glocke mit den Worten “Proclaim Liberty”, die die Engländer der Stadt geschenkt haben. Unterstellen wir mal, daß es weder böser Wille der Spender noch ein Omen war, daß die Glocke sehr schnell einen Riß zeigte, der heute von einer riesigen Niete zusammengehalten wird.
Von hier aus machen wir uns entlang der Market Street auf den Weg in die neueren Teile der Stadt. Hard Rock Café und den Einkaufstempel Wannamaker’s lassen wir links liegen und erkunden die City Hall. Auch sie ist ein beeindruckendes, altes Gebäude und läßt sich jeden Werktag um 12:30 Uhr mit einer geführten Tour erkunden. Wir folgen dagegen einer roten Linie durch das Gebäude, die uns über einige Treppen zum Turmfahrstuhl bringt. Mit einem Aufzug, der wie das Gebäude 100 Jahre auf dem Buckel haben mag, fahren wir zum Oberservation Deck und haben hinter Gitternetzen einen großartigen Rundumblick auf Bürohochhäuser, das Independence-Viertel und den Delaware River.
Wir erkunden noch etwas die Umgebung der City Hall, schauen in den Masonic Tempel der Freimaurer-Gilde rein, treffen aber auch hier nicht den richtigen Zeitpunkt für eine Führung und stellen bei diesem Blick auf die Uhr fest, daß unsere Parkuhr bereits abgelaufen sein muß.
Also kehren wir zuerst zurück zum Auto, um uns damit in Chinatown etwas zu Essen zu suchen. Chinatown besteht aus 2 Häuserblocks in der Innenstadt von Phyllis. Den Weg dahin finden wir schnell, auf einen Parkplatz haben wir dort allerdings keine Chance. Claudia springt an einer Ampel raus und wir vereinbaren, daß ich immer um die beiden Blocks fahre und sie wieder aufsammel, sobald ich sie am Straßenrand sehe. Obwohl ich langsam fahre, muß ich einige Runden drehen und mache mir schon Sorgen, bis ich sie mit einer Plastiktüte in der Hand wieder entdecke und sie von Ihrem Einkauf berichtet.
Nach einigen Restaurants hat sie einen Take Away gefunden, in dem die Enten gebraten im Fenster hingen. An der Wiege der amerikanischen Nation konnte keiner der Chinesen auch nur ein Wort Englisch oder wollte es einfach nicht sprechen. Bedient wurden zuerst alle Asiaten in dem kleinen Imbiss, bevor Claudia an die Reihe kam. Kein Englisch, die Karte bestand aus Schriftzeichen, also blieb nur eines: mit der Hand auf eine der Enten im Fenster zeigen. Und genau die bekamen wir dann auch. Mit einem großen Beil zerhackte der Inhaber die Ente in kleine Teile, packte sie zu Reis in einen Styroporkarton und freute sich obwohl er kein Englisch spricht über die Dollars, die er damit verdiente.
Ein paar Ecken weiter halten wir am Straßenrand und ich schaue skeptisch in den Karton auf Claudias Schoß. Zwei oder drei Fleischstücke probiere ich, aber nachdem ich bei jedem Stück auf Knochen rumkaue, reicht mir auch der Reis aus. Claudia ist hartnäckiger, aber ich bin mir sicher, daß ich vom nächsten Chinesen so ein Essen nicht mehr akzeptieren werde!
Claudia vom Essen, ich von der Abneigung dagegen gesättigt, verlassen wir Philadelphia nach Nordwesten Richtung Reading. Hier in den Ebenen Pennsylvanias erwartet uns auch der Indian Summer. Die Verfärbung der Blätter, die Anfang Oktober eines jeden Jahres die Einheimischen zu Tausenden durch die Neuenglandstaaten jagt, hat in diesem Jahr aufgrund des langen, warmen Herbstes angehalten und auf uns gewartet. Die Einheimischen dagegen haben fast allesamt ihre Reisen schon beendet und Neuengland uns überlassen.
Readings historischer Stadtkern wird von einem unserer Reiseführer gelobt und hat auch uns in die Stadt gelockt. Wir sehen jedoch eher eine ehemalige Industriestadt, alt und dreckig. Für die Hopewell Furnace Historic Site kann ich Claudia nicht begeistern und so reihen wir uns unter die Touristen und nutzen einen anderen Vorteil von Reading, der Outlet Capital of the World. In alten Fabrikgebäuden haben sich zahlreiche Outlet-Stores eingemietet. Wir durchstöbern einige der Läden und werden mit einer Jeans sogar fündig.
Unser Tagesziel Lancaster verlieren wir trotzdem nicht aus den Augen. Erneut fahren wir ins Dunkel hinein und lassen uns in Lancaster von dem ersten Licht locken, daß eine angenehmere Nachtruhe verspricht als die letzte – dem Schild eines Super 8 Motels.
Wir quartieren uns ein und brechen für das Abendessen nochmals auf. Im Texas Roadhouse finden wir gutes Essen in ungewöhnlicher Atmosphäre. Ein Eimer Erdnüsse wartet auf jedem Tisch und die Schalen gehören offensichtlich achtlos auf den Boden geworfen. Wir passen uns an, stürzen uns hungrig auf das leckere Brot mit Zimtbutter, das es vorweg gibt und sind fast schon satt, als die Kellnerin unsere Steaks bringt.
Wie gut, daß wir heute robuste Betten in einem Super 8 gebucht haben. Wer weiß, ob uns andere noch tragen könnten …









