Reiseberichte
Indian Summer
In den Neuengland-Staat & New York
Autor: Jens Freyler
Datum: Sonntag, Juli 22nd, 2007

Das Land der Amish
Tag 3 : Lancaster – Amish County – Hershey – Harrisburg – Bedford
Lancaster liegt in einer Region, die die größte Ansiedlung von Amish beherbergt. Mit dem Film “Der einzige Zeuge” dürfte der Bekanntheitsgrad der Amish stark gestiegen sein. Ob das den Vertretern dieser Lebenseinstellung jedoch recht ist, ist zu bezweifeln.
Wir fahren in das Land der Amish und durchstreifen die Region. Die Amish verurteilen jegliche Gewalt, den Kontakt mit der Technik und verlassen sich auf körperliche Arbeit und daß was ihnen Handwerk und Feld bieten kann. So wird die Zahl der Autos hier auch schnell dünner, Schilder warnen vor Pferdefuhrwerken und mit diesen oder zu Fuß sind die Amish unterwegs. Die Kleidung ist einfach und zeigt keine Knöpfe, schwarz und weiß sind die Farben dazu.
Eine Mennoniten-Kirche fragt uns in großen Lettern, warum man sich sorgen über das Jahr-2000-Problem machen soll, wo man doch beten kann. Leicht gesagt, wenn man gelernt hat, ohne Technik auszukommen. Wir fahren vorbei an riesigen Feldern, Menschen sind kaum zu sehen und scheinen Besucher auch eher zu scheuen. Nur vereinzelt sehen wir Farmen, die sich aber zumeist inmitten der Ländereien verstecken.
Am Straßenrand stolpern wir über einen Verkaufsstand. Zu sehen ist niemand und ein Schild macht deutlich, daß man auch nicht auf einen Verkäufer zu warten braucht. Alle Waren, landwirtschaftlich und handwerklich, tragen ein Preisschild und auf einer Box steht geschrieben, daß man sein Geld einfach da reinwerfen soll. Wechselgeld gibt es keines. Handgenähte Puppen, Holzspielsachen und -gebrauchsgegenstände schauen wir uns an und entscheiden uns schließlich für dekorative Zwergkürbisse und Minimaiskolben.
Wir fahren weiter durchs Land und finden in Intercourse das Kitchen Kettle Village. Über 30 Geschäfte bieten hier Amishwaren und spezifisches Essen auf touristische Weise an. Ein kleines Freilichtmuseum, durch das wir nur durchspazieren, da die Geschäfte noch geschlossen sind. Nur wenige hundert Meter weiter suchen wir in einem Hinterhof einen Antiquitätenladen auf, der gerade öffnet. Mit uns betritt der Inhaber den Laden und zündet in dem weiträumigen Geschäft die Gaslaternen an, die neben dem Tageslicht im vorderen Bereich die einzige Lichtquelle sind. Überflüssig zu sagen, daß es ohne Strom auch keine Musik geben kann, die Kasse rustikal ist und alle sichtbaren Gegenstände auf die Selbstversorgung ausgerichtet sind.
Etwas mehr wollen wir uns mit den Amish noch beschäftigen und suchen das Amish Village bei Bird-in-Hand auf. Ein Bauernhof und ein Schulgebäude aus der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden hier von Nicht-Amish gekauft und in ein Freilichtmuseum umgewandelt.
Nach einer Führung durch das eingerichtete Haupthaus, dürfen wir die restlichen Gebäude allein erkunden. Eine Räucherei ist hier noch aktiv, ein Schmied kann bei der Arbeit beobachtet werden und ein Laden mit Produkten der Amish wird hier geführt. Wir schauen uns alles an und kaufen Apple Butter, um unser tägliches Frühstück etwas abwechslungsreicher zu gestalten. Hätten wir sie nur sofort probiert, dann hätten wir bestimmt mehrere Gläser gekauft !
Wir vollenden unsere Rückfahrt mit den ersten überdachten Brücken dieser Reise. Überdachte Brücken sind ein Wahrzeichen dieser Region und manche davon, wie die Herr’s Mill Bridge (Foto) haben es sogar in das National Historic Register geschafft.
Nach der Erkundung des Amish-Landes, haben wir ein wahres Kontrastprogramm geplant. Wir fahren nach Hershey, einer Stadt, die nach dem Mann benannt ist, der die Schokolade erfunden zu haben scheint: Milton S. Hershey. Alle Straßenlaternen der Stadt sind der Form der Hershey Kisses nachempfunden und das Footballteam gehört der Hershey Food Corp. ebenso wie der Freizeitpark neben dem Stadion. Das Verrückteste jedoch ist das Unternehmen selbst.
Hershey hat den Empfangsbereich seines Firmenkomplexes zur Hershey’s Chocolate World ausgebaut, einem Erlebnispark rund um Schokolade. Sicherlich haben Kinder hier eindeutig die Übermacht, aber auch wir werden als Besucher willkommen geheißen. In kleinen Wagen fahren wir auf Schienen unseren kostenlosen Probepackungen entgegen. Mit der Kuh fängt die Schokoladenproduktion an, lernen wir u.a. und haben einen Heidenspaß in der Bahn. Mit den Kindern stürzen wir uns dann in den Einkaufsbereich, ein wahres Paradies aus Schokolade, Nüssen und Stofftier-Schokomemorabilita. Hershey – built on chocolate, wie die Stadt auch für sich selbst wirbt !
Als Hauptstadt Pennsylvanias würde man wahrscheinlich Philadelphia vermuten, doch die wahre Hauptstadt des Staates kann bei 50.000 Einwohnern in punkto Größe mit der Millionenmetropole sicherlich nicht konkurrieren. Das State Capitol Harrisburgs soll dagegen eines der schönsten der ganzen USA sein und darf deswegen in unserer Sammlung nicht fehlen. Was schwer zu photographieren ist, ist dennoch äußerst beeindruckend. Geschwungene Marmortreppen steigen wir hinauf, drehen uns immer wieder im Kreis, um die Deckengemälde zu bewundern und lernen auf der self-guided Tour durch das Gebäude Senats- und Repräsentantenräume kennen. Im Heimatland der Demokratie sind die Regierenden gerne bereit, große Teile der Volksvertretungen Besuchern zugänglich zu machen.
Entlang des Susquehanna River steuern wir nach Norden in den Historic District der Stadt, dessen Hauptgebäude der Broad Street Market und das gegenüberliegende Historic Harrisburg Tour Center sind. In den Marktgebäuden ist wenig los, so daß wir das Tour Center aufsuchen. Das Center hat sich in einer ehemaligen Bank angesiedelt. Eigentlich sollte das auf uns als Banker eher abschreckend wirken, aber wir sind angetan von dem alten Gemäuer. Lange Theken ziehen sich an beiden Seiten der Halle als Schutzwall vor dem Kunden entlang und wie Schießscharten gibt es Löcher, durch die der Kunde den Bankangestellten anschauen durfte. Vor diesen Schießscharten lassen sich Kuhlen ausmachen, wo die Kunden sich wohl im wahrsten Sinne des Wortes die Beine in den Boden gestanden haben. Spannend ist auch der Tresorraum, in dem man eine Bibliothek mit historischen Büchern eingerichtet hat. Wir erfahren einiges über die Geschichte des Gebäudes und über Rundwege durch die Stadt. Bis wir jedoch die freundliche Fremdenführerin wieder loswerden regnet es kräftig und wir hängen unsere Pläne bezüglich weiterer Rundgänge an den Nagel. Der Regen scheint nicht nachgeben zu wollen, so daß es nur eine Lösung gibt: den kürzesten Weg zum Auto.
Zumindest einige Meilen wollen wir trotz des Regens noch zurücklegen. Bedford am Highway 76 ist unser Tagesziel. Wir suchen uns ein Motel, essen bei einem Chinesen vom all you can eat-Buffet und fallen mit vollen Mägen ins Bett.









