Reiseberichte
Indian Summer
In den Neuengland-Staat & New York
Autor: Jens Freyler
Datum: Sonntag, Juli 22nd, 2007

Indian Summer, Schnee und eine viktorianische Villa
Tag 4 : Bedford – Johnstown – Ridgway
In Bedford startet unsere Entdeckungstour am nächsten Morgen. Eine Zeit lang haben wir gezweifelt, ob wir Pittsburgh von unserer Reiseroute streichen sollten und am letzten Abend haben wir die Entscheidung zu Lasten der Stadt und zu Gunsten des Allegheny National Forest getroffen.
Doch zuerst schauen wir uns den Ort an, in dem wir übernachtet haben. Viele der Häuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert zieren hier noch die Straßenzüge. Pfosten reihen sich auf den Bürgersteigen auf und jeder von Ihnen trägt einen Pferdekopf. Die Liebe für’s Detail ist in diesem Ort zu sehen. George Washington hat 1794 im Espy House während einer Rebellion sein Hauptquartier aufgeschlagen und das älteste Gerichtsgebäude Pennsylvanias ragt auch heute noch über die Dächer der kleinen Häuschen hinaus.
Die meisten historischen Gebäude werden auch heute noch bewohnt, obwohl sie nicht zu dem Bild von Amerika passen, das wir im allgemeinen haben. Es ist ein kalter Morgen und das Städtchen erwacht erst, als wir es nach Norden verlassen.
Bedford ist umringt von Covered Bridges und so gibt es sowohl eine Southern als auch eine Northern Bridge Tour. Da wir nach Norden wollen, wählen wir diese und während Claudia auf der Fahrt das typische Sandwich-Papptoast mit Nutella, Streichkäse oder Apple Butter bestreicht, versuche ich mich zu orientieren. Apple Butter ist ein hervorragend erfrischender Brotaufstrich, der Apfelmus, Zimt und wohl noch einige weitere Gewürze verbindet. Da es ein Produkt der Amish ist, die sich mehr um Selbstversorgung als um Vermarktung kümmern, gibt es allerdings nur wenige Orte, an denen man es erhalten kann.
5 überdachte Brücken soll es auf der Northern Bridge Tour geben, aber sie zu finden ist eine echte Herausforderung. Obwohl unser Reiseführer den Weg recht genau beschreibt, ist das Problem, daß die meisten Brücken abseits der heutigen Straßen liegen und längst nicht mehr benutzt werden. Irgendwo da, wo die Straßennamen enden Richtung Nordosten abbiegen und die Augen offenhalten, könnte man die Erläuterungen unseres Reiseführers in etwa übersetzen.
Mit 3 Treffern sind wir letztlich stolz auf unseren Orientierungssinn. Eine davon könnt Ihr hier sehen:
Über kleine Straßen machen wir uns auf den Weg nach Johnstown. In der ländlichen Region sind wir fast alleine unterwegs und scheinen durch eine Art Stilleben zu fahren. Es juckt uns immer wieder am Auslöser des Fotoapparates, um Landschaften und Szenen des Indian Summer aufzunehmen.
Doch als wir nur kurze Zeit danach ein Straßenschild finden, daß auf einen Ort namens New Germany hinweist, schafft es der Sucher der Kamera kaum noch ein scharfes Bild zu zeichnen und wenig später kämpfen unsere Scheibenwischer gegen dicke Schneeflocken an. Irgendwo zwischen Bedford und Johnstown endet der Indian Summer und der erste Schnee bricht über uns herein.
Die Gegend wird hügeliger, der Schnee bleibt auf der Straße liegen und unser kleiner Mietwagen muß sich mit Sommerreifen dagegen durchsetzen. Kein anderes Fahrzeug ist mit uns unterwegs und hilft und die Straße aufzugraben, doch auch auf der Schneedecke läßt es sich einigermaßen gut fahren.
Bis Johnstown haben wir die Schneefront sogar überholt. Die steilste Zahnradbahn der Welt ist die Hauptattraktion der Kleinstadt. Für USD 3 pro Person nutzen wir diese Attraktion, um uns auf den Yoder Hill bringen zu lassen. Auf dem Berg erwartet uns wieder eine dünne Schneeschicht, der Blick von der Aussichtsplattform ist jedoch noch einigermaßen frei auf das unter uns liegende Johnstown.
Durch den Souvenirshop sind wir schnell durch und gönnen uns einen heißen Tee hinter den riesigen Panoramafenstern des Restaurants. Von hier aus betrachten wir die unter uns liegende Stadt, beobachten, wie die Züge sich aus den verschiedenen Tälern nach Johnstown winden und in anderen Schluchten wieder verschwinden und sehen daß der Schnee uns gefolgt ist. Eine angenehme Stimmung breitet sich aus, in der Wärme zu sitzen, Tee zu trinken und die tanzenden Schneeflocken zu beobachten.
Das Johnstown Flood Memorial und den Staudamm lassen wir aus und fahren weiter in den Allegheny National Forest hinein.


Auf einer Anhöhe neben der Straße halten wir an einem Haus, daß so antik zu sein scheint wie das, was darin feilgeboten wird. Das Paar, das darin wohnt und Antiquitäten verkauft, gehört zwar wahrscheinlich zu den jüngsten Ausstellungsstücken, paßt ansonsten aber recht gut in den Laden. Ein altes Grammophon versucht den Staub von den Platten zu schieben und Musik hervorzurufen, während wir uns umsehen. Einige Dinge springen uns in Auge wie z.B. die Pferdeköpfe, die die Straßenpfosten von Bedford tragen. Die Metallarbeiten haben jedoch ein Gewicht, das sie intransportabel macht und auch einen Preis, der uns abschreckt.
Uns wird ein Rabatt angeboten, da man möglichst viel verkaufen will, bevor man im nächsten Jahr diese kalte Gegend verläßt und nach Florida umzieht. Wäre das Haus nicht so baufällig gewesen, hätten wir vielleicht gleich alles kaufen und hier bleiben können, aber so verlassen wir das Gebäude ohne Einkauf. Der Inhaber begleitet uns nach draußen und weist uns auf zwei Dinge hin, die wir aufgrund der Schneeschicht nicht gesehen haben. Zwei große alte Diesellokomotiven stehen hinter dem Haus, ebenfalls zum Verkauf. Eine davon ist schon veräußert und wird demnächst abtransportiert. Ein Interessent aus Florida hat USD 13.000 für die Anordnung rostigen Metalls bezahlt. Die Lokomotiven sind zwar ohne Frage beeindruckend, aber da wir weder so viel Geld investieren wollen, noch wissen, wie man die Lokomotive auf unserem Balkon platzieren soll, bedanken wir uns und fahren weiter.
Die klassische Übernachtungsmöglichkeit in Form von Motels gibt es in den USA fast nur in unmittelbarer Highway-Nähe. Mitten im landwirtschaftlich geprägten Pennsylvania scheidet diese Möglichkeit schnell aus. Als die Dunkelheit hereinbricht erreichen wir mit Ridgway einen etwas größeren Ort, der jedoch in keinem unserer Reiseführer beschrieben ist. Aber es muß doch eine Möglichkeit geben, hier zu übernachten ! In einer Broschüre über den Allegheny National Park finden wir den Hinweis auf ein B&B etwas außerhalb von Ridgway, das wir aufsuchen. Wir klingeln Sturm, doch keiner öffnet uns. Wir versuchen es im Nachbarhaus und versuchen schließlich von hinten an das B&B heranzukommen. Ein büroartiger Raum ist beleuchtet und ein Mann sitzt am Schreibtisch vorm Fenster. Ich klopfe an die Scheibe und schließlich wird uns die Tür aufgeschlossen. Doch das B&B sei voll ausgebucht für die Nacht. Eine Angabe, die wir angesichts des Winterschlafs in dem sich das Gebäude und die Gegend befindet kaum glauben können.
Doch es bleibt uns nichts anderes, als wieder nach Ridgway zu fahren. Plötzlich entdecken wir auf unserem Streifzug durch den Ort ein Hinweisschild auf das Towers Victorian Inn. Wir folgen dem Wegweiser und landen vor einer großen viktorianischen Villa. Wir parken unser Auto, steigen aus und kommen bis in den Eingang der Villa. Dort steht ein Holzbutler mit einem Telefon in der Hand und einer Tafel, die erklärt, man solle gerne eine bestimmte Nummer anrufen, um die Hauswirtin zu sprechen. Wir tun wie geheißen und erfahren, daß ein Zimmer frei sei und sofort jemand zu uns rüberkommt.
Die Hauswirtin ist eine nette Frau in den Mitdreißigern und bittet uns herein. Dale hat das Haus vor gut einem Jahr gekauft, es Stück für Stück renoviert, mit Antiquitäten ausgestattet und zu einem B&B umgebaut. Was sie uns zeigt ist umwerfend und liebevoll gestaltet und der Preis von USD 60 für das Zimmer inklusive Frühstück überrascht uns angenehm.
Wir werden nach einer Frühstückszeit gefragt und darauf hingewiesen, daß alles zu unserer freien Verfügung steht. Dann beziehen wir unser Zimmer. Es ist im viktorianischen Stil eingerichtet, rosa die dominierende Farbe und jede Kleinigkeit ist darauf abgestimmt. Selbst Duschzeug, Bodylotion und Parfum stehen bereit und sind in diesem Zimmer rosa.
Nach einem Steak in einem Diner des Ortes kehren wir wieder zurück und lassen und im Wohnzimmer nieder. Wir entfachen den Kamin, naschen von den bereitgestellten Cookies, Claudia nimmt sich einen Amaretto aus der Bar, während ich einen californischen Weißwein öffne. Spiele und Bücher sind ebenfalls vorhanden, aber wir nehmen unsere eigenen Bücher, setzen uns in die antiken Polsterstühle vor den Kamin und genießen unser all-inclusive-Paket bis die nächsten Gäste hereinkommen.
Daß es sich dabei um zwei Holzhändler handelt, wurde uns schon avisiert, daß sie deutsch sprechen allerdings nicht. Die Überraschung ist groß, als wir die beiden auf deutsch begrüßen. Wir beschließen am nächsten Morgen zusammen zu frühstücken und lassen die beiden zum Abendessen wieder losziehen.
Als sie an diesem Abend zurückkommen, haben wir uns bereits zurückgezogen in unsere rosa Puppenstube in einer viktorianischen Villa irgendwo mitten in Pennsylvania.









