Reiseberichte
Indian Summer
In den Neuengland-Staat & New York
Autor: Jens Freyler
Datum: Sonntag, Juli 22nd, 2007

Lobster at the sea
Tag 9 : Sturbridge – Boston – Plymouth – South Yarmouth
Was hat uns bisher noch gefehlt an USA-Erfahrungen ? Die Rush hour ! Und hier ist sie. Vielleicht hätten wir am Vorabend doch weiterdenken und -fahren und eine Nacht in Salem verbringen sollen. Dort wollen wir nämlich eigentlich hin an diesem Morgen, doch wir stehen im Stau auf der US 20. Zwar sind wir im Gegensatz zu der Bürobevölkerung in den Autos um uns herum nicht in Eile, aber wir haben doch einen Zeitplan, der für diesen Tag vorsieht, daß wir uns früh morgens die Hexenstadt Salem (”Brennen muß Salem”) anschauen und danach nach Boston weiterfahren.
Zwangsläufig verbringen wir den Zeitraum “früh morgens” auf der Interstate und gehen gleich zum nächsten Punkt über: Boston. Unser Kartenmaterial ist etwas dürftig, um sich in der Großstadt zu orientieren, aber die Haupteinfallstraße führt fast zwangsläufig auf den Prudential Tower zu. In einer Seitenstraße suchen wir einen Parkplatz und finden schließlich einen, auf dem wir mit Parkscheibe 2 Stunden stehen dürfen. Parkscheibe ? Hat unser Mietwagen eigentlich eine Parkscheibe ? Wir suchen, werden aber nicht fündig und improvisieren mit einem selbstgeschriebenen Zettel, der unsere Ankunftszeit zeigt und den wir hinter die Windschutzscheibe legen. Für die Fahrt ins 52. Stockwerk des Prudential Towers sind wir noch etwas früh (ab 10 Uhr) und passieren die Geschäfte im Center. Ein Cappuccino ersetzt das Frühstück und erleichtert die wenigen Minuten zu überbrücken, bis die Wachmänner uns zu den Aufzügen durchlassen.
Ein Blick aus dem 52. Stock über Boston kostet natürlich Eintritt, ist aber auch die paar Dollar wert. Der Himmel ist blau und bietet eine gute Sicht während die Innenbereiche des Rundganges auf spielerische Art durch die Geschichte der Stadt führen, die auch mit der Freiheit der Nation verbunden ist. Ungern erinnere ich mich daran, daß die Boston Tea Party eines meiner Abiturthemen war, aber es führt nichts daran vorbei, daß Boston die Wiege der amerikanischen Unabhängigkeit ist und sich auch so nennt.
Wir kehren auf den Boden der Tatsachen zurück und laufen Richtung Boston Public Garden. Einen kurzen Blick werfen wir in die darin angesiedelte Visitor Info und nehmen eine Broschüre über den Boston Freedom Trail mit. Im Gegensatz zu gelben Füßen, die durch andere Städte führen und die den Spuren folgenden Mensch als Touristen outen, weisen die Gehwege von Boston eine Reihe roter Pflastersteine aus, die den Rundgang anzeigen. Mit der Broschüre erfahren wir zudem mehr über die Bedeutung der Gebäude, die unseren Weg flankieren.
Den Anfang macht erneut ein State Capitol, nämlich das von Massachusettes. Diesmal verzichten wir auf eine Führung und erkunden das Innere des State Capitols auf eigene Faust. Gewundene Treppen führen uns durch die einzelnen Stockwerke. Die gelebte Demokratie verpassen wir allerdings. Eine öffentliche Sitzung endet gerade, als wir das Parlament betreten- ich bezweifle allerdings auch, daß die Reden uns lange gefesselt hätten. Ähnlich geht es wohl auch den Massen von Schulkindern, die erleichtert aus dem Parlamentssaal stürmen. Möglicherweise war es den Lehrkräften nur gelungen, die Kinder mit dem Angebot kostenloser Pizzen hierher zu locken. Diese gibt es von großen Blechen in der Kuppelhalle des State Capitol. Als der Duft in unsere Nase steigt merken wir, daß auch unser Frühstück wohl etwas zu kurz gekommen ist und verlassen sicherheitshalber das Regierungsgebäude wieder.
Brav folgen wir den roten Backsteinen, passieren den Old Granary Burial Ground, inspizieren die King’s Chapel, die den Besuch trotz Renovierungsarbeiten lohnt, laufen weiter vorbei an der City Hall, dem Old Corner Book Store und dem Old State House. In der Faneull Hall beenden unsere müden Füße unseren Teil des Boston Freedom Trails, der noch einige imposante Gebäude vor sich hat. Wir laufen durch die alten Markthallen und orientieren uns Richtung Hafen. Die Innenstadt Bostons verbindet alte Architektur mit neuen Bürohäusern. Weitläufige Fußgängerzonen, die Sonne eines warmen Herbsttages und die Lage auf einer Halbinsel zwischen Flüssen und Atlantik vermitteln uns das Bild einer lebenswerten, jungen Stadt. Wäre da nicht die Boston Tea Party, könnte es auch mir hier richtig gut gefallen !
Entlang des Hafens machen wir uns langsam auf den Weg zurück zu unserem Auto. Unsere selbstgebastelte Parkscheibe dürfte längst abgelaufen sein und während wir durch nüchterne Seitenstraßen laufen, fragen wir, was die Polizei in den USA mit Parksündern macht. Strafzettel ? Parkkralle ? Abschleppen ?
Die Frage bleibt unbeantwortet, denn unser Auto steht noch unbehelligt in der parkreichen Wohngegend, in der wir es abgestellt haben. Auf der Küstenstraße 3A bringt es uns Richtung Südosten nach Plymouth.
150 Jahre vor der Boston Tea Party schrieb Plymouth Geschichte. Wo heute die kleine Stadt steht landeten die religiös verfolgten englischen Pilgerväter 1620 an. Der Felsbrocken, vor dem die Mayflower anlandete, hat heute seinen eigenen Pavillion an der Uferesplanade. Von hier aus hat man auch einen guten Blick auf die Mayflower II, einem originalgetreuen Nachbau des Pilgerschiffes.
Den Eintrittspreis von USD 6,50 pro Person für das Schiff, kann man mit dem der Plimoth Plantation (Museumsdorf mit Mitarbeitern in geschichtlichen Kostümen) koppeln und Geld sparen. Für die Plantation sollte man jedoch einige Stunden oder gar einen ganzen Tag ansetzen. Unser Zeitplan präferiert die Mayflower II. Durch einen kleinen Museumsvorbau betreten wir das Schiff. Obwohl es sich lediglich um einen Nachbau handelt, bewegen wir uns automatisch mit Respekt und Vorsicht durch die engen Kajüten und über das Deck des Zweimasters. Auch hier stehen Mitarbeiter in geschichtlicher Kleidung für Fragen oder Fotos zur Verfügung und berichten von der harten Überfahrt und der Knappheit an Lebensmitteln.
Historische Villen und der Blick auf das Meer runden Plymouth ab. Wir passieren erneut den Plymouth Rock und verlassen uns auf ein Hinweisschild südlich der Hafenbucht. Über das Gelände einer Bootswerft und eine steile Treppe finden wir das Mayflower Restaurant (14 Union Street). Ein Tisch am Fenster ist noch frei, von dem aus wir die Mayflower und das Meer beobachten können. Auch die Speisekarte ist maritim und was paßt zu dieser Aussicht besser als ein Lobster Club Sandwich ? Vielleicht klingt es dekadent, aber irgendwie habe ich den Eindruck, daß kaum ein Ort besser geeignet ist, um zum ersten Mal Hummer zu essen !
Cape Cod ist das Wochenendausflugsziel vieler Amerikaner (die Reichsten unter ihnen zieht es auf die vorgelagerte Insel Martha’s Vineyard) und unser Tagesziel. Die Landzunge ist ein schmaler Landstrich, der in nur wenigen Meilen Entfernung auf zwei Seiten Zugang zum Meer bietet. Bis zum Cape Cod N.P. wollen wir nicht vordringen, sondern fahren auf kleinen Straßen abseits des Highway durch die malerischen Küstenorte. Kleine, liebevoll gestaltete Häuser prägen das Landschaftsbild. Viele alte Gebäude werden gepflegt und erhalten, Antik wird auch hier wieder groß geschrieben.
Auch die Preise werden groß geschrieben fällt uns auf. Wir klappern einige Unterkünfte ab. Teils sind keine Zimmer mehr frei, teils schreckt uns der Preis ab. Wir fahren weiter Richtung Cape Cod und werden in South Yarmouth schließlich fündig. Ein Motel 6 mit Pool und einem fairen Preis erscheint uns das richtige zu sein.
Der große Pool ist im Innenbereich zwischen Rezeption und Zimmern angeordnet und wir stürzen uns sofort ins Wasser. Ein Mann um die 30 ist als einziger mit uns im Becken und wie üblich in den USA, werde ich angesprochen. “Where do you come from” haben wir schnell geklärt und ich erzähle von unserer Reise, er von seinem Beruf bei einer Telefongesellschaft, der ihn vorübergehend nach Cape Cod verschlagen hat. Zwar nicht die ideale Jahreszeit, aber es gibt mit Sicherheit schlimmere Orte zum arbeiten !









