Das “Top of the town” ist eine Bar in Hamburg. Doch darüber will ich gar nicht reden – kann ich gar nicht, ich war noch nie da. Ich kenne das Traders Vic im gleichen Haus und – wenn man hoch hinaus will – natürlich das 20Up und die Towerbar – allesamt Toptipps übrigens.
Doch Top über der Stadt zu stehen, das hat mich plötzlich ereilt, als ich in dieser Woche im Rahmen der letzten Recherchen für unser Buch Mit Störtebeker durch Hamburg unterwegs war. Diese Recherchen führten mich in die Krypta des Hamburger Kirchenmahnmals Sankt Nikolai. Denn in St. Nikolai wurde einst Simon von Utrecht begraben, ein Kaufmann, dessen Namen zwangsläufig mit dem Leben und dem Ableben Störtebekers verbunden ist – und somit mit der Geschichten Hamburgs.
Und da das Eintrittsticket für die Krypta von St. Nikolai ein Kombiticket ist, das auch eine Fahrt mit dem Glasfahrstuhl durch den ausgebombten Kirchturm beinhaltet, bin ich halt da hoch.
75m über der Hansestadt. 75m über den Ruinen einer ausgebombten Kirche. Weit der Blick über Hamburg. Und das bedeutet eine unglaublich Perspektive, ein ungewöhnlicher Blick auf meine Stadt, der hier einen der alten Wasserspeier vor dem Hamburger Rathaus und vor der Alster zeigt.
Ja, dieser Ausblick ist Top of the Town!
Den Harz kennt man ja gemeinhin als deutsches Mittelgebirge mit Brocken, Kyffhäuser, Walpurgisnacht und sonstigem Schabernack.
Und da Joachim zu seinem Geburstag mal eine “kleine Tour mit Übernachtung” machen wollte und wie immer jemanden kannte – diesmal jemanden, der Motorrad fährt, im Harz ein Hotel betreibt und sogar Zimmer anbietet – machten wir uns auf den Harz.
Und um eine Frage vorweg zu beantworten: Wetter gut – Stimmung gut!
Zwei Maschinen in Mölln gesattelt, eine in Hamburg, fanden wir uns nach telefonischer Navigation sogar in Lauenburg diesseits der Elbe… und haben dann mal rübergemacht. Rüber über die Elbe, rüber über… ach ne, das sagt man ja nicht mehr. Jedenfalls haben wir so komische alte Türme passiert und so große braune Schilder, auf denen Stand, dass Deutschland hier mal geteilt war. Jetzt nicht mehr. Lange nicht mehr!
Auch der Harz war geteilt und manchmal soll ich mir an diesem Wochenende nicht sicher sein, ob ich jetzt gerade hüben oder drüben bin. Selbst als wir uns mit dem Teufel einlassen am Abend der Walpurgisnacht, da erläutert dieser uns, wie er Ossis von Wessis trennt. Er sticht sie mit seinem Dreizack – und diejenigen, die sich beschweren, dass sind die Wessis… Joachim wirft ihm daraufhin eine Münze in seinen Totenschädel und wir kommen ungeschoren davon.
Schließlich erwarten uns am zweiten Tag die Kurven des Harzes. Unser Hotel schlägt gleich drei ausgearbeitete Motorradroutenvorschläge vor und wir bauen kurzer Hand an die Ostharztour einen Teil der Westharztour ran und werfen uns in die Kurven. Sowohl was die Straßenlage angeht als auch auf der Sommerrodelbahn – wobei wir mit dem Motorrad glaube ich doch etwas schneller waren – selbst bergauf.
Unsere Route?
Wernigerode – Elbingerode – Rübeland – Altenbrak – Thale – Friedrichsbrunn – Güntersberge – Hasselfelde – Trautenstein – Tanne – Königshütte – Elend – Braunlage – Sorge – Elend – Drei Annen Hohne – Wernigerode.
Und einer der schönsten Abschnitte davon war der von Sorge nach Wernigerode, obwohl er nicht zu den Routenempfehlungen zählt – oder gerade deswegen und daher nicht so viele darauf unterwegs sind ;-) ?
Jedenfalls verbrachten wir drei richtig gute Tage auf der Straße und der Harz ist immer mal wieder einen Ausflug wert. Und das werden wir nicht nur bei diesem dahin-gesagten lassen. Schließlich fehlen uns noch die Westharz- und die Südharz-Runde und wer einmal mit den Hexen getanzt hat, der wird ihren Bannsprüchen vielleicht doch nochmal folgen müssen.
Und beim heiligen St. Benno, das 5.-letzte Bild kann ich unmöglich an unserem Tisch gemacht haben! Das muss der Nachbartisch gewesen sein!!!

Gesamtstrecke der Tour: 771km HH – Wernigerode – Harz – HH
Was tun an einem 1. Mai Samstag in London, an dem der Himmel aussieht als wuerde er bald seine Schleusen oeffnen, aber nicht dazusagt, wann genau das passieren wird. Den urspruenglich geplanten Ausflug nach Brighton voruebergehend vertagt, durchstoeberten wir Lonely Planet und Time Out nach interessanten “themed walks” mit ueberschaubarer Dauer und Distanz zum (im Notfall) trockenen Heim. Das Angebot ist gross, doch weder der Bridget-Jones&Co-Film-Locations-Walk in und um Notting Hill noch der anno-Jack-the-Ripper-Whitechapel-Gruselwalk konnten uns recht ueberzeugen. Vielleicht hatte unsere Unentschlossenheit auch mit den 4 Glaesern Wein vom Vorabend und leicht pulsierenden Kopfschmerzen zu tun, und so einigten wir uns auf den einfach-mal-den-Regents-Canal-entlang-nach-Osten-und-schaun-was-passiert Walk.
Der Regents Canal, der nach Westen ueber Camden Richtung Regents Park verlaeuft, ist auch in oestlicher Richtung mit seinem fast schon an freie Natur grenzendem Gruen mit Entengetier und bunten Hausbooten (angeblich soll hier irgendwo Keira Knightley mit ihrer “Black Pearl” vor Anker liegen) ein beliebter Spazier- und Fahrradweg. Die anliegenden Gebaeude sind meist sehr alternativ und das Mauer- und Brueckenwerk gern mit Graffiti verschoenert.
Wir schlenderten gute 2 Kilometer meditativ am Wasser entlang bis wir ohne besonderen Grund beschlossen links abzubiegen, und fanden uns ploetzlich am Broadway Farmers’ Market in London Fields wieder. Hier scheinen ueberwiegend intellektuelle hip Kids im 80er Jahre Style zu leben – Frauen mit Kurzhaarfrisuren, Ray Ban Brillen und braunen Herren-Lederschnuerschuhen; Typen in engen Hosen und Jacketts mit Schulterpolstern, die ihren Kontrabass spazierentragen. Die Strassencafe’s quollen ueber und der Markt war in vollem Gange. Von live am Spiess gebratenem Schwein ueber frische Austern bis hin zum 5 Kilo Block Blauschimmelkaese wurde alles dargeboten, was das Bio-Herz begehrt. Und da sage noch einer, dass die Briten nix von gutem Essen verstehen…
Auch bei uns ums Eck in Angel, sowie in den meisten Londoner Stadtteilen gibt es jedes Wochenende einen Farmers’ Market, wo Bauern aus dem Umkreis ihre eigens und mit Liebe produzierten Lebensmittel verkaufen. Die Staende haben wundervolle Namen wie “Bee Friendly” (Honigwaren), “Flour Power City” (Brot- und Backwaren), “Miss Stoneham’s Preserves” (Eingemachtes, Chutneys und Marmeladen), “Pieminister” (Fleischpasteten) oder “Seriously Italian” (Rispentomaten und Pesto). Spaetestens bei “Butterfly Meadows” oder “Sunnyfields Organic Farm” laeuft beim Anblick des frischen Gemueses das Wasser im Munde zusammen. Man kauft bei “Harvest Moon Free Range Eggs” einen Jahresvorrat Eier, ruempft bei “Gary’s Fresh Fish” kurz die Nase um dann den Kuchen von “Miriam’s Munchies” zu verfallen, und deckt sich noch schnell bei der “Giggly Pig Company” mit frischen Wuersten und Speck ein.
Auch wenn es bei jedem Besuch des Farmers’ Market herzzerreissend schwer ist, nicht mehr als eh schon zu viel von diesen Leckereien mitzunehmen, und diese Art der Lebensmittelbeschaffung nicht immer die billigste ist, wird einem beim Anblick des Fotos der Ziege “Jessica” neben den weissen Kaeserollen am Stand der “Wobbly Bottom Farm” bewusst, wie traurig Einkaufen im Supermarkt eigentlich ist.
Neu gestaerkt im Glauben an eine bessere Welt, mit einer Auswahl aus 27 verschiedenen Sorten Oliven als Trophaee und einem Fleischsandwich von besagter Sau am Spiess als Wegzehrung machten wir uns wieder auf den Heimweg entlang des Kanals, und just als wir wieder in unsere Strasse einbogen machte der Himmel sein Versprechen wahr und tat, was er in London am besten kann…
Fuer Interessierte (oder jetzt Hungrige):
http://www.lfm.org.uk/
Turkmenistan vorab. Nach meiner nächsten Reise in Nordkorea bzw. der ‘Democratic People’s Republic Korea’ oder auch Choson ist die ganz am Anfang genannnte Nation ein der zwei verbliebenden außerhalb Afrikas, die ich noch wenigstens für 8-10 Tage bereisen muss.
Leider gestaltet sich eine Einreise als äußerst schwierig. Auf dem turkmenischen Konsulat in Baku wurde ich einst im Jahre 2003 mangels guter Russischkenntnisse wieder weg geschickt. Dafür bekam ich Wochen später in anderer Nation ganz einfach ein Visum für Afghanistan. Der freundliche Konsul lud mich sogar zum Tee ein, während er das Visum in meinen Pass eintrug. So einfach und unkompliziert kann es auch manchmal gehen.
Je schwieriger es ist als Frau allein eine Nation zu bereisen, desto mehr reizt es mich natürlich.
Für Turkmenistan suche ich schon seit vielen Jahren völlig verzweifelt europaweit einen Reiseveranstalter, der dieses Land wenigstens für 1 Woche im Programm hat und eine Gruppe, der ich mich anschließen darf. Wer Tipps und Infos für mich hat ist herzlich willkommen sie an mich loszuwerden! Ich freue mich!!!

Auch als Reiseliteratur-Verleger, kann man manchmal einfach nur Bilder sprechen lassen…
Foto vom Bug der Rickmer Rickmers auf die von Touristen überflutete Hafenpromenade. Im Hintergrund die Landungsbrücken, das Empire Riverside und das Hotel Hafen Hamburg.
Wetterberichte fand ich bisher immer völlig überflüssig. Warum soll ich eine Sendung schauen, die mir sagt, wie das Wetter irgendwann irgendwo vielleicht wird?!
Aber in diesem Jahr werde ich glaube ich noch ein echter Fan von Wetterberichten. Dies ist das zweite Wochenende in Folge, in denen die Wetterfrösche für Hamburg Schietwetter vorhersagen und das Wochenende selbst sich mit hervorragendem Bikerwetter zeigt! Hängen die falschen Prognosen evtl. damit zusammen, dass Jörg Kachelmann zur Zeit unpässlich ist?
Egal. Für mich heißt das rauf auf die Maschine und los. Ich habe ein Ziel vor Augen, will – aus dem Nordosten Hamburgs kommend – einen Freund in Schleswig-Holstein, nordwestlich von Hamburg besuchen. Den schnellsten Weg kenn ich auswendig, also sage ich meinem Navi, es soll den kürzesten wählen.
Damit kreuze ich etwas über die Straßen der Hansestadt, werde östlich des Flughafens von Süden nach Norden gelotst. Da kommt mir die Idee, über die Flughafentangente abzukürzen. Ich fädle links ein, fahre auf den Flughafen zu und über eine Brücke über die anvisierte Straße hinweg. Mir bleibt keine Alternative, als an den Terminals vorbeizutuckern.
Währenddessen hat mein Navi neu kalkuliert und will mich nun nach Süden führen und dann südwestlich am Flughafen vorbei. Auch gut.
Also ziehe ich in dieser Richtung meine Maschine auf die Flughafentangente, sehe rechte von mir einen Flieger durchstarten und tauche mit meinem hochgeklappten Visier tief in eine Wolke aus Kerosin ein. Sofort kommt mir die Melodie von Danger Zone in den Sinn… und die Szene, die vielleicht dafür verantwortlich ist, dass ich zum Biker geworden bin.
Welche Szene? Hier ist sie, die Motorradszene aus Top Gun.

Und trotzdem, fahrt vorsichtig ;-)
Zur Zeit sitzt die Ländersammlerin mal wieder daheim. Sie ist beschäftigt ihre alltäglichen Aktivitäten zu organisieren. Natürlich macht sie sich ständig Gedanken über ungeplante Reisen in diesem Jahr. Das ist alles gar nicht mehr so einfach. Jede weitere der noch verbliebenen 19 Nationen auf dieser Welt, in die sie noch einmarschieren muss, möchte ein Visum in ihrem Pass oder oder mehr sehen. Im Moment kämpft sie aber sich eher schlecht als recht durch die ungewohnten Funktionen eines Blogs. Den ersten Blog ihres Lebens. Sie ist froh, dass im Moment noch nichts auf eine ‘Blogade’ hindeutet.
Hier noch ein Text zu Vancouver, der schon seit Monaten unfertig auf meiner Festplatte rumlag. Ich habe die Osterfeiertage genutzt, ihn endlich fertig zu stellen. Mal etwas anders als von mir gewohnt. Frohe Ostern!
‘8 Fraser’ biegt langsam um die Ecke Richards und Robson. Vorsichtig, damit die Hochleitungskontakte nicht wieder ausklinken. Ich steige ein, zeige dem Fahrer meine Monatskarte. Er bedankt sich und laechelt mir zu. Zu spaet denke ich daran, zurueck zu laecheln, bin schon auf halbem Weg durch den Bus. Ich bin wie immer der einzige Fahrgast und kann mir meinen Lieblingsplatz aussuchen. Ganz hinten rechts im Eck, strategisch guenstig gelegen. Im schlimmsten Fall koennen nur zwei Menschen direkt neben mir sitzen und das Fenster garantiert Frischluft. Die Freaks bleiben sowieso eher im vorderen Teil, fallen auf den erstbesten Sitz, taumeln nur ganz selten bis hinten durch. Ich erkenne einen Fleck am Boden wieder. Klebt immer noch. Vielleicht haette ich keinen weissen Rock anziehen sollen.
Der Bus faehrt an, auf geht’s in eine neue Runde. Meine Haltestelle ist die Start- und Endstation der Linie 8, Anfangs- und Endpunkt im Loop, Tag fuer Tag. Die Freakshow kann beginnen. Einmal Cracktown und zurueck.
In der Georgia Street steigen drei Maenner ein, ein Banker, ein irgendwer und ein junger Typ. Alles noch recht harmlos. Die zwei ersteren nehmen Plaetze weiter vorne, der junge Typ jedoch setzt sich zu mir in die letzte Bank, in die gegenueberliegende Ecke. Er traegt ein gruenes Polohemd mit nur halb aufgestelltem Kragen und stellt seine weiß beturnschuhten Fuesse auf die Metalllehne der Sitzbank vor ihm. Ich taufe ihn den Halbyuppie.
Die Haltestellenanzeige ist ausgefallen und der Busfahrer muss die Stopps selber durchsagen. Er tut dies mit lauter Stimme, aus Ueberzeugung. Er hat schon alles gesehen und liebt seinen Job immer noch. Und wenn nicht, laesst er sich jedenfalls nichts anmerken.
“Next Stop Dunsmuir, everybody!”
Langsam wird’s interessant. Zwei Drogies Marke Flaschensammler steigen ein, jeder mit zwei Plastiksaecken voll recyclebarer Behaelter, der Lohn einer Nacht gegen Pfand. Sie haben natuerlich kein Ticket, aber der Busfahrer laesst sie trotzdem rein. Die zwei bleiben wie erwartet im vorderen Teil des Busses, zu umstaendlich die prallen Saecke nach hinten zu bugsieren. Waere vor allem auch vom Gleichgewichtssinn zu viel verlangt. Beide sind mager, bleich und tragen billige, schmutzige Kleidung. Durchgelatschte Schuhe. Wieviele Kilometer Seitengassen diese Schuhe schon durchkaemmt haben? Drogie Eins starrt mit leeren Augen vor sich hin. Drogie Zwei sitzt zusammengekruemmt da, haelt den Kopf gesenkt und wippt mit dem Oberkoerper vor und zurueck. Vorundzurueckvorundzurueck. Auf was der wohl ist?
Der Halbyuppie neben mir faengt laut an zu laestern:
“Jeeez fuck they stink like a bloody brewery! Fucking crackheads!” Er schuettelt den Kopf und schnaubt veraechtlich. Als ich zu ihm hinueber sehe sucht er in meinem Blick Bestaetigung, ich sehe ihn aber einfach nur an. Und dann weg. Ich rieche nichts. Vorundzurueckvorundzurueck wie ein Wackeldackel. Ich frage mich, wie sie ihr Pfand zurueckbekommen. Die Supermaerkte haben strenge Regeln eingefuehrt, um die Obdachlosen aus dem Laden draussen zu halten. Ab vier Uhr keine Pfandrueckgabe mehr, und grundsaetzlich nur bis maximal 1$ pro Person. Jeder ihrer Saecke ist aber bestimmt 10$ wert, die haben wahrscheinlich ein schlaues System um die Maerkte auszutricksen. Oder auch nicht. Vor und zurueck.
An der Seymour Street Haltestelle wartet schon eine Traube von Menschen auf den Bus. Zwei Drittel davon haben weisse Stoepsel in den Ohren und halten die Koepfe gesenkt. Eine Frau Mitte Fuenfzig sticht jedoch heraus. Sie hat rosige Backen, schaekert beim Einsteigen mit dem Busfahrer und lacht laut auf, als sie auf der Suche nach ihrem Ticket die Handtasche fallen laesst. Sie lacht eine Spur zu laut. Als sie sich den hinteren Reihen naehert, erkenne ich meinen Fehler: den feinen Unterschied zwischen rosigen Backen und einem von jahrelangem Alkoholmissbrauch geroeteten Gesicht. Ihre falsche Lederhose ist zu eng, der Ausschnitt ihrer Bluse zu weit. Die Frau laesst sich geraeuschvoll auf den Sitz mir gegenueber plumpsen, lacht, seufzt und wendet sich an den in eine Ausgabe der “Province” vertieften jungen Mann neben ihr:
“I’m great man, I’m so happy! You know why? Hell yeah, I’m in love!”
Ihr Sitznachbar blickt nur kurz von seiner Zeitung auf und laechelt gequaelt.
“Good for you.”
Die Frau lehnt sich weit zu ihm hinueber, um in seiner Zeitung mitlesen zu koennen. Sie tippt mit dem Finger auf das Horoskop auf der gegenueberliegenden Seite.
“I’m a Virgin! Ha! You bet! Let me see what it says here, about Virgins, I just met this guy and I’m so in love with him, I need to know what that thing says.”
“It’s Virgo.” Der junge Mann ist genervt und drueckt ihr den Teil der Zeitung mit dem Horoskop in die Hand. Sie liest und kichert vor sich hin.
Wackeldackel wippt immer noch unermuedlich vor und zurueck, waehrend Drogie Eins sich schon dem Kampf mit dem Gleichgewicht stellt und Richtung Hinterausgang tappt. Er ruft seinen Kumpel mit einem unverstaendlichen Brummen zurueck in die Gegenwart und die beiden stolpern an der Cordova Street aus dem Bus. Halbyuppie gibt mit einer Litanei an Schimpfworten seine Meinung zu den Flaschensammlern ab, selbst wenn die schon lange ausser Hoerweite sind.
Ich versuche meine Ohren zu schliessen und blicke aus dem Fenster. An mir zieht Gastown vorbei und ich weiss, zum Hoehepunkt der Surrealitaet ist es nicht mehr weit.
Ecke Cordova und Main. Das Cafe neben der Haltestelle sieht verhaeltnismaessig nett aus, wenn man sich die Gitter an den Fenstern wegdenkt. An den zwei armseligen Tischchen davor sitzen zwei gleichwertig armselige Persoenlichkeiten. In sich zusammengesunken schluerfen sie Kaffee aus einem uebergroßen Becher mit Plastikdeckel. Ich frage mich, wie sie sich den Luxus ueberhaupt leisten koennen. Ein Becher Normalitaet fuer $3.50. Wie lang man dafuer wohl betteln muss? Oder anschaffen?
Ein alter Mann im Rollstuhl will zusteigen. Piep piep piep piep piep piep der Fahrer laesst die Behindertenrampe herunter piep piep piep piep piep die Seitenteile klappen um piep piep piep piep piep piep piep piep.
Der Krueppel schiebt sich auf die Plattform. Piep piep piep piep piep piep piep piep das Sicherheitsgelaender faehrt aus piep piep piep piep piep piep piep die Rampe hebt sich nach oben piep piep piep piep piep piep piep piep.
Der Rollstuhlmann ist erfolgreich auf Hoehe des Fahrers angekommen und fummelt mit seinen schwarzen Rheumafingern in den Taschen seiner schmutzigen Weste herum. Im Mundwinkel haengt eine erloschene Kippe, wahrscheinlich schon seit Tagen. Er fischt ein paar kleine Muenzen hervor und versucht sie zittrig in den Schlitz des Ticketautomaten zu bugsieren. Der Busfahrer hat ihn schon lange durchgewunken, aber der Alte besteht darauf, seine Fahrt zu bezahlen. Ein letzter Funke Stolz.
Er will auch nicht an den fuer Rollstuehle vorgesehenen Gurten festgeschnallt werden, sondern parkt sein Gefaehrt erstaunlich praezise rueckwaerts in eine kleine Nische ein.
“You got your breaks on, Buddy? I can’t drive off without you having the breaks on alright!”, ruft der Busfahrer nach hinten.
Jaja Bremse alles an, kann losgehen.
Der Fahrer faehrt an und Rollie slided quer durch den Bus.
Wir biegen um die Ecke und tauchen in die Parallelwelt ein. Vom glaenzenden Downtown in den Slum. Die Kreuzung Main und East Hastings ist das Herz des Elends, das pulsierende Zentrum der Sucht, der Mittelpunkt der Traurigkeit. Die vom Alkohol glasigtrueben Augen. Gelbstichig erloschen. Wie man wohl die Welt durch solche Augen sieht? Ich stelle es mir so vor, als wuerde man im Schwimmbad tauchen und dabei die Augen offen lassen, alles ist unscharf und das Chlor brennt und man moechte die Augen am liebsten fest zudruecken aber dann sieht man ja nichts, also bleibt man tapfer und strampelt weiter und blinzelt den Schmerz weg und taucht so lange bis einem die Luft ausgeht.
Ich tauche mit und sinke tiefer und immer tiefer mit den Menschen, die so tief gesunken sind, dass darunter nichteinmal mehr Leere ist, sonder einfach Nichts.
Vielleicht ist es aber auch umgekehrt, vielleicht stecke ich selbst mein Leben lang mit dem Kopf unter Wasser, und gerade jetzt ziehe ich ihn zum ersten Mal heraus und sehe die Details sehr klar. Die traurige Realitaet.
Obdachlose eingerollt in verdreckte Schlafsaecke am Buergersteig. Tod oder lebendig. Alte und junge Junkies an improvisierten Strassenmaerkten. Handel mit Gefundenem, Gestohlenem, Muell. Ein florierendes Mikrouniversum, unbehelligt von der glaenzenden Olympiastadt drumherum. Dealer, Prostituierte, Pimps. Aktive und passive Bettler, Einkaufswagenschubser, Flaschensammler, Alkies. Einer kaputter als der andere.
Ich will eigentlich nicht hinsehen, blicke aber trotzdem wie gebannt. Sensation? Mitleid. Sympathie? Verachtung. Abscheu? Erkenntnis.
Eine knochige Frau tappt bei Rot ueber die Strasse, der Bus bremst hart und reisst mich aus meinen Gedanken. Die Frau verliert auf halbem Weg die Orientierung und weiss nicht mehr ob vor oder zurueck. Autos hupen, die Verwirrte kraeht Unverstaendliches.
An der Pender Street steigt ein Junkie im verschlissenen Lederoutfit und langen, zerzausten Haaren zu. Er nimmt schraeg gegenueber mir Platz, blickt verstohlen in die Runde – Halbyuppie, Virgin, Rollie – und fragt schliesslich mich, ob ich mein Ticket nach dieser Fahrt noch braeuchte. Er waere jetzt noch gerade eben so ohne reingekommen, aber er muss ja noch umsteigen, und wenn dann Kontrolleure unterwegs sind, und es waere ja so kind of me und … Er erscheint mir verhaeltnismaessig nuechtern, und ich reiche ihm wortlos meine Fahrkarte rueber. Er bedankt sich kurz und fragt dann noch nach dem Weg zum Broadway. Ich rieche seine ungewaschenen Haare und drehe mich entnervt weg, zum offenen Fenster.
“Dunno.”
“C’mon lady,” ruft er aufmunternd und mit lachenden Augen, “Smile!”
Ich muss hier raus. Der naechste Halt ist Skytrain Station, wo ich endlich in meine Wirklichkeit umsteigen kann. Sehr passend, der Name Skytrain, back to the future in der sauberen, weißen, unbemannt gesteuerten Schnellbahn.
Wenige Meter davor geht ploetzlich garnichts mehr, die Straße steht. Jetzt geht auch noch das Gehupe los. Ich versuche den Grund fuer den Stopp herauszufinden, ohne mich zu viel zu bewegen. Ich verrenke meine Augen, um seitlich aus dem Fenster zu erkennen, was vor dem Bus vor sich geht. Ich sehe zwei junge Maenner aus ihren Autos aussteigen und zusammen etwas von der Straße wegtragen. Sie muessen zweimal zupacken, beeilen sich, um den Verkehr nicht noch laenger aufzuhalten. Was sie tragen sieht aus wie große schwarze Kisten. Hat ein Laster etwas verloren? Die Straße ist wieder frei und es geht weiter. Als der Bus an den Kisten am Buergersteig vorbei kommt sehe ich, dass es Zeitungsboxen sind, wie sie ueberall in der Stadt an der Straße stehen. Und dann sehe ich ihn. Er traegt nur einen Schuh. Er packt eine weitere Box und hebt sie ueber seinen Kopf, wie ein Gewichtheber, mit unerwarteter Kraft fuer seine magere Gestalt. Er nimmt Schwung und schleudert sie auf die Straße, mitten in den laufenden Verkehr. Der Busfahrer reißt das Lenkrad herum und wechselt ruckartig auf die andere Spur. Gerade noch. Im Vorbeifahren sehe ich die Augen des Schwarzafrikaners. Wuetend. Verzweifelt. Und dann ist er und alles andere aus meinem Blickfeld verschwunden.
Unsere Bestseller im ersten Quartal:
1. Neuerscheinung “Hast du dir das so gedacht Jakobus?” – Jakobsweg
2. Neuerscheinung “Mit Brünhilde durch das Ruhrgebiet” – Kulturhauptstadt Ruhr.2010
3. Fa(h)r Away – Auf dem Landweg nach Indien
4. Der Krokodilfelsen – Sehnsucht nach Sri Lanka
5. Weltreise mit Kindern
Einen Eindruck von Richard Böck bei der Präsentation seines Jakobsweg-Buches auf der Leipziger Buchmesse findet Ihr hier, in unser ReiseGeister-Buch zur Kulturhaupstadt Ruhr.2010 könnt Ihr gleich hier reinschauen…

Die Wetterprognosen haben für die ganzen Ostertage Regen angesagt – bis auf den Morgen des Karfreitags.
Also Rolläden hoch, rausgeguckt, Sonne gesehen, aufs Thermometer geschaut und mich bei 5,5° Celsius doch für Thermowäsche entschieden. Noch einen Pullover zur Sicherheit in den Tankrucksack, die Innenjacke in der Außenjacke noch drin gelassen und raus in die Freiheit!
Es ist der 2. April, mein Saisonkennzeichen darbt schon 1 Monat vor sich hin und es wird langsam mal Zeit für eine größere Runde. Zuerst orientierungslos, starte ich auf den Straßen der Hansestadt und stelle fest: Es ist CarFreitag! Keine Autos unterwegs, keiner muss zur Arbeit, keiner zum Einkaufen, stattdessen schlafen alle noch, sitzen zuhause und malen Ostereier an oder sind schon an die Nord-, Ost- oder Südsee gestartet.

Was für ein Morgen! Vierspurige Hauptstraßen frei zu befahren, die Ampeln auch fast zu müde, um auf Rot zu schalten und so entscheide ich mich dann schnell für eine Tour Richtung City. Zwar fahre ich diese Straßen oft genug, aber meist mit dem Auto und meist im morgend- oder abendlichen Berufsverkehr.
Die Sonne steht strahlend am blauen Himmel, vielleicht ist das Thermometer, der Ansicht, dass es kalt ist, ich merke nichts davon, habe das Visier hochgeklappt und lasse mir den Wind um die Nase wehen.
Über die Elbbrücken geht es nach Süden, durch leere Industriegebiete auf der Veddel, die hier lagernden Gewürze in der Nase. Am Deich entlang weiter nach Süden, immer hinter der Waterkant, runter nach Moorwerder und bei Stillhorn über den letzten Elbarm. Ab jetzt geht es südlich daran entlang, die klassische Route vom Bullenhauser Elbdeich bis zur Elbfährt in Hoopte.

Inzwischen sind auch ein paar PKW-Ausflügler auf der Straße, die Parkplätze der Stintlokale sind voll, und ich rechne fast damit, vor der Fähre anstehen zu müssen. Doch der Einweiser winkt mich rauf und macht hinter mehr die Schranke zu, um abzulegen. Auf der Fähre: 2 PKW, ein Hand voll Motorräder. Auch drüben, am Zollenspieker Fährhaus ist es lange nicht so voll wie gewohnt, dafür ist die Imbissbude ungewohnt umplatziert, nachdem die Mitarbeiter jahrelang die Elbe im Rücken hatten, sollen sie diese Saison wohl die Aussicht genießen dürfen… falls sie durch die an Hochtagen Schlange stehenden Biker noch durchblicken können.
Nördlich geht es wieder an der Elbe entlang, vereinzelt brennt schon ein Osterfeuer, vielerorts liegen die Stapel bereits hoch. Mein Navi erhält nun die Anweisung, mich auf der kürzesten Route nach Hause zu bringen, wohl wissend, dass diese Einstellung oft unerwartet kurvig ausfällt. Aber dafür bin ich ja auch mit dem Motorrad unterwegs.
Ja, so kann die Saison weitergehen! Können wir nicht mehr CarFreitage im Jahr einführen?

Jens.
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