Ja, die Messe steht und inzwischen ist sie gestartet. Ich sitze gerade im Pressezentrum und ein Lautsprecher verkündet, dass das Pressebriefing für die deutschsprachige und internationale Presse jetzt im Konferenzraum startet. Sowieso habe ich machmal den Eindruck, dass der ein oder andere Journalist seine Berichte von hier oben schreibt – ohne jemand den Boden der Messehallen berührt zu haben.
Doch “reden” wir von der Messe.
Frau Merkel und Herr Xi haben sie eröffent, Frau Merkel hat Herrn Xi und das chinesische Partnerland daran erinnert, dass man auch mal über Presse- und Meinungsfreiheit nachdenken müsste. Das wird Herr Xi auf dem Rückflug denn auch bestimmt tun, wenn er keine spannende Lektüre auf der Buchmesse gefunden hat, um die Zeit des Fluges zu überbrücken. Im Zweifel könnten wir ihm aushelfen, wir haben zahlreiche gute Bücher am Stand – auch über China…
Und der Stand steht! Gestern abend gegen 18:30 Uhr waren wir hier, 2 1/2 Stunden später stand der Aufbau nach den üblichen Widrigkeiten (wir hatten einen Schrank zu wenig, wir wollten mehr Haken haben, als uns zustanden, wir haben zuerst Regalbretter dazugemopst, dann wieder abgegeben, dann doch wieder zwei mehr gebraucht – und der Running Gag, wir hatten wieder kein Licht am Stand.)
Doch nun steht alles, die Poster hängen, die Auslage stimmt, der rechtsfreie Raum in den Gängen wird von dem ein oder anderen Standbetreiber bereits erobert und ich überlege, ob ich sie alle in die Flucht schlage und gleich noch unsere 4m hohe traveldiary-beachflag aus dem Auto hole und aufstelle ;-)
Passt auf Jungs, wir kommen!
Es ist wie immer, man glaubt, man hat was vergessen.
Und wahrscheinlich ist es auch so, irgendetwas haben wir bestimmt vergessen.
Und trotzdem wird es eine gute Messe werden.
Woher die Überzeugung? Als wir heute morgen mit dem bis unters Dach bepackten Messeauto aus der Einfahrt gefahren sind, steigt doch ein Schornsteinfeger gegenüber aus seinem Auto aus und reagiert winkend auf unser Strahlen.
Ja, es wird eine gute Messe!
P.S.: Da der Fotoapparat natürlich irgendwo tief verpackt war, konnte ich kein Beweißfoto schießen. Insofern dank an den Bundesverband des Schornsteinfegerhandwerks für dieses Bild…

… singt Nena in ihrem 80er-Jahre-Klassiker “Leuchtturm”.
Ja, meine Visitenkarten, die ebenfalls ein Leuchtturm ziert, habe ich eingepackt, ebenso wie kistenweise Bücher (Neuerscheinungen und eine Auswahl der Backlist-Titel), Prospekte, Flyer, Schilder, Poster, Lesezeichen, Einladungskarten, Klappstühle, eine Beachflag, Pokale und Preise für die Preisverleihung, Sekt für die Stunde danach, alkoholfreie Getränke, Wasserkocher und Teekanne, ungesunde und gesunde Snacks für den kleinen Hunger zwischendurch, Papierkrams, Quittungsblöcke, Verlagsstempel, Schrankschloss (ja, es gibt ein offizielles Schrankschloss der Frankfurter Buchmesse, das man sich einmalig kaufen muss und dann besser nicht vergessen sollte bei den nächsten Malen), die Präsentation für Samstag nachmittag auf einem Memory-Stick (merken: Laptop nicht vergessen!), Fotoapparat, Klamotten (inkl. Autoren-ohne-Grenzen-T-Shirts und mein traveldiary-Hemd), Krims-Krams, Gastgeschenk für André und Reni, die uns während der Messe in diesem Jahr wieder beherbergen, Terminplaner, eine Sackkarre (das erste Jahr haben wir es ohne gemacht – eine der besten Investitionen meines Lebens!), Tesafilm und Paketband, Cutter-Messer, Wechselgeld, Namensschilder, Hörbücher für die Fahrt hin und zurück.
Haben wir alles? Viel mehr passt sowieso nicht ins Auto, das ich wie jedes Jahr messeoptimiert packen wollte, so dass die Sachen, die wir erst Samstag für die Preisverleihung brauchen beim Aufbau Dienstags noch nicht im Weg liegen – und das ich am Ende doch wieder nach Passform packen musste.
Also heißt es morgen Nachmittag wohl alles einmal raus und sichten.
Und jetzt heißt es erst einmal “einmal schlafen noch” und dann “Mach alle Türen zu uns los!”

Okay, dieses Foto hat nicht unbedingt etwas mit Motorradfahren zu tun und ich habe auch nichts damit zu tun!!!
Ich bin nur vorbeigefahren und musste das knipssen…

P.S.: Meines Wissens kam niemand zu Schaden!
Bike on…
Jens.
Happy Canada Day! Joyeux Fête du Canada!
Nein Quatsch, heute ist garnicht Canada Day, der war doch schon am 1. Juli. Nachdem ich aber zur Zeit nur mehr am Arbeiten bin und sich nichts Spannendes tut, muss ich auf alte Geschichten zurueckgreifen.
Man schreibe den 1. Juli des Jahres 2009. Mit einem großen Feuerwerk, das wir vom Balkon unserer neuen Wohnung im 28. Stock aus sehen konnten, feiert Vancouver den 142. Geburtstag Kanadas. Aber ich fange mal ganz von vorne an:
Nachdem unsere Firma nach unserer Ankunft nur 2 Monate lang die Wohnung sponserte, mussten wir uns um eine neue Bleibe umschaun. Dank unserer schon zur Perfektion ausgereiften Umzugsskills mussten wir nur eine Woche lang intensiv Craigslist durchforschen, und nach ein paar Besichtigungen hatten wir auch schon ein ziemlich schoenes und erschwingliches 1-Zimmer Apartment in Yaletown gefunden, mit Blick ueber ganz Downtown von Ost bis West. Der Besitzer ging fuer ein halbes Jahr geschaeftlich ins Ausland und hatte uns alles ueberlassen, vom 47″ flatscreen TV bis zu seinen dreckigen Socken in der Schublade. 2 Wochenenden mussten wir ausmisten, umpacken und schrubben, aber danach war alles pikobello und der allabendliche Sonnenuntergang ueber der English Bay entschaedigte den Aufwand. Wie hier in allen Wohnhaeusern ueblich, hat auch unseres eine Sauna, ein Dampfbad und einen Fitnessraum, und letzteren nutze ich auch regelmaeßig (es lebe der Cross Trainer!). Habe mir dafuer extra wunderbar haessliche Laufschuhe gekauft, wie es sich gehoert in besonders aerodynamischem Neongelb.
Wir waren endlich fertig eingenistet, hatten alle administrativen Dinge erledigt wie Krankenversicherung und Sozialversicherungsnummer, hatten den obligatorischen Trip zum Ikea hinter uns gebracht und (wiedermal) ein Bankkonto eroeffnet.
Oh mein Gott ist das Bankensystem hier veraltet!!! Die Leute zahlen hier immer noch alles mit Schecks, und um online eine Ueberweisung durchfuehren zu koennen muss man vorher einen void (ungueltig gemachten) Scheck des Empfaengers per Post an die Bank schicken, damit die die Kontodaten davon abtippseln und fuer Transaktionen in ihrem System freischalten koennen. Ich glaube, wenn ich das Geld selber drucke und bar zu Fuß vorbeibringe bin ich noch schneller… Das einzig Gute ist, dass die Telefonhotlines hier im Gegensatz zu Deutschland funktionieren und man die Bank rund um die Uhr anrufen und seine Bankgeschaefte mit einem zwar nicht immer vollends kompetenten, aber dafuer abartig freundlichen Callcenter Menschen in Indien abwickeln kann.
Die generelle Freundlichkeit der Kanadier (von Frauen mittleren Alters abgesehen, die sind eher… “resolut” ist glaub ich das richtige Wort) hat was sehr Amerikanisches, und das hat mich anfangs schon etwas irritiert. Wenn mir in Deutschland eine Verkaeuferin an der Kasse laechelnd einen schoenen Tag wuenschen oder der Busfahrer sich dafuer bedanken wuerde, dass ich meine Fahrkarte dabei habe, kaeme in mir doch sofort der Verdacht auf, dass die was im Schilde fuehren. Wildfremde Menschen grueßen im Fahrstuhl oder plaudern sogar, und der Bettler vorm Supermarkt sagt mir ich soll doch mal laecheln… Ich bin gerade dabei, mein vielleicht in den europaeischen Genen verankertes, grundsaetzliches Misstrauen gegenueber anderen abzulegen, die Mundwinkel nach oben zu pinnen und mir ein handfestes “Hi, how’s it going” anzugewoehnen. Auch wenn das alles nur oberflaechlicher Smalltalk sein mag, finde ich erleichtert es den Umgang mit den Mitmenschen schon sehr und man fuehlt sich nicht so wie ein verbitterter Tschoermen.
Am 1. Juli 1867 war also die Geburtsstunde Kanadas, als sich 4 Provinzen zu einem Staat vereinigten. Heute besteht Kanada aus 10 Provinzen und 3 Territorien, ist nach Russland das zweitgroeßte Land der Erde und hat insgesamt (aber nur) ca. 33 Millionen Einwohner. Kanada ist außerdem offiziell Zweisprachig, ca. 60% der Menschen geben ihre Muttersprache als Englisch an, ca. 25% sind Franzoesisch und der Rest kann sich nicht so recht entscheiden.
Alle Produkte sind in beiden Sprachen etikettiert, was den Text meistens ziemlich unuebersichtlich macht, und im Fernsehn laeuft jede Menge frankokanadisches Programm, das so dreckig gesprochen wird, dass man ungefaehr so viel versteht wie ein Berliner in Bayern. Ich finde das aber alles total toll, denn vielleicht kann ich waehrend ich hier bin alles Franzoesische unterbewusst in mich aufsaugen und daheim spreche ich dann ploetzlich perfektes Fou de Fa Fa…
Das Beste am Canada Day war, dass es wie jedes Jahr bei uns in der Arbeit ein rooftop BBQ gab, wo der Chef persoenlich die Burger brutzelte, und wir den Freitag frei und somit ein langes Wochenende hatten. Zusammen mit unserem Kumpel Moritz starteten wir einen 3-Tagesausflug nach Vancouver Island und wollten stilecht im Fort F150 Pickup die Umgebung um Tofino erkunden. Ob wir dabei einen Baeren gefunden haben, erfahrt ihr beim naechsten Mal…
Zu meiner Schulzeit hatte ich einen etwas “besonderen” Kunstlehrer. Ich weiß nicht mehr wie er hieß, aber ich weiß noch, dass er mich über Jahre meiner gymnasialen Zeit begleitet hat. Und all die Jahre kamen wieder die drei gleichen Themen von ihm, die wir malen sollten. “Das Geheimnis der Bügelfalte”, “Der Furz auf der Gardinenstange” und “Die kalte Hand auf der Schulter des Bahnhofswärters”. Wahrscheinlich hätte dieser Lehrer auch eine Antwort darauf gewußt, wo der Witold die Kurven herhat.
Doch fangen wir von vorne an.
Als ich am letzten Sonntag die Rolläden hochgezogen und das Fenster aufgerissen habe, musste ich mich gleich wieder ins Bett stürzen. 6,5 Grad Celcius zeigte das Thermometer. Aber es ist Ende September, der Wetterbericht hat für Hamburg 20 Grad und Sonne vorhergesagt und Ende September muss man als Motorradfahrer nunmal nehmen, was man kriegt. Zudem habe ich bei unserem XING Tourennetzwerk Nord zugesagt. Ja, ich werde dabei sein!
Treffpunkt ist erst um 11:00 Uhr in Elmenhorst, schließlich haben wir alle vorher unsere Bürgerpflicht bei der Bundestagswahl zu erfüllen. Früh sind wir im Wahllokal und danach habe ich zu viel Hummeln im Hintern, um auf den Tourbeginn zu warten.
Schon eine Stunde früher fahre ich gut eingepackt los (ist auch erst 9,4 Grad Celcius inzwischen und ich gestehe, ich habe meine Innenjacke reingeknöpft…) und lasse mich nach Nordosten treiben. Wo es eine vermeintlich gute Gelegenheit gibt, drifte ich von der Bundesstraße ab, schaue was das Navi neu berechnet und verzweige mich soweit in Seitenstraßen und Alleen, bis die prognostizierte Ankunftszeit spät genug für unseren Treffpunkt ist.
Dort erwartet mich heute nur eine kleine Runde (hatte ich schon gesagt, dass es helfen könnte, wenn man den Termin als ebensolchen einstellt?!). Bernd aus Kiel hat die Tour vorgeschlagen, Joachim und Witold sind dabei und Sabine will sich die Jungs mal anschauen, ob man mit denen öfters mal ne Tour machen kann. Naja, wenn Du mich fragst…
Bernd gibt Witold die Vorfahrt, dies ist sein Revier, hier soll er erst einmal die Route machen, bis rüber zum Schloß Tremsbüttel und nach Lasbek Dorf. Im Kopf spinnt Witold die Route gleich weiter, doch Bernd bremst ihn ein. Nein, so weit rüber bis Mölln will er diesmal nicht, sondern hier in der Gegend bleiben.
Doch nach diesem Stint einigen sich die beiden, dass Witold vorne bleibt und weiter geht es bei hoch stehender Sonne, angenehmem Fahrtwind und rasanten Kurven Richtung Osten. Eine Mittagspause machen wir zu früh um groß zu essen – und erst recht zu früh für Kuchen, aber was soll man schon groß machen, wenn man eine Pause macht. Zudem lädt der Hof der Heuherberge in Dargow nur geradezu dazu ein, dass man was Hausgemachtes zu sich nehmen muss.
Dargow…? Irgendwie klingt das fast, als könnte man in den Neuen Bundesländern gelandet sein… und war da nicht vorhin irgendwo der Schaalsee ausgeschildert?
Natürlich, wie sollte es anders sein, Witold hat uns mal wieder alle Kurven des Kreis Herzogtums Lauenburgs gezeigt und uns so lange schwindelig gekurvt, bis wir wieder einmal fast rübergemacht hätten. Obwohl, ganz im Osten waren wir diesmal nicht – aber östlicher als Mölln allemal!
“Wo hat Witold nur die Kurven her?”, stellt Sabine die Frage, die uns alle schon lange nicht mehr wundert. Er bügelt die einfach mit seiner Maschine aus der Straße, klärt er uns auf. So muss es sein! Denn wenn ich mit meiner Maschine alleine unterwegs bin, dann ist immer nur die Hälfte da.
Nach für mich von Tür zu Tür 224km Tour in flotten 6 Stunden mit 3 kleinen Päuschen (das Eis in Reinfeld – mag man nicht glauben, ist ne Stadt – und Witolds Café am Dorfteich in Bargfeld-Stegen will ich nicht unterschlagen) und insgesamt 3.241 Kurven, bin ich zuhause zurück. Und ich bin froh, dass mein alter Kunstlehrer nicht mitgefahren ist! Bestimmt würden seine Schüler die nächsten 10 Jahre lang Jahr für Jahr das Motiv malen müssen “Wo der Witold die Kurven herhat”.
Übrigens, wer nicht glauben will, dass ich tatsächlich die Kurven mitgezählt habe, der kann die Tour ja hier downloaden und nachfahren und darf die von ihm ermittelte Zahl gerne als Kommentar hier einstellen ;-)
Und hier noch ein paar Bildchen…

Es herbstelt. Wir haben die Ikea Bettdecke Staerke 1 gegen Staerke 3 eingetauscht (spaeter kombinierbar zu Staerke 4, ein geniales Konzept), der Wind blaest Baeume um (die dann auf Autos landen) und es riecht nach Laub im Wald. Nach einem uebersprungenen Winter ein ganz neues Gefuehl, und ich wuerde am liebsten jetzt schon auf den Christkindelmarkt gehn und Gluewein trinken.
Die Tage werden schon deutlich kuerzer und ich komme wegen der sich haeufenden Ueberstunden selten bei Tageslicht aus der Firma raus. Es sind nur mehr 6 kurze Wochen bis Projektende und wir arbeiten nun auch samstags, was meinem Bankkonto wiederum recht gut tut.
Bisher ist das Wetter noch erstaundlich sonnig und mild, doch angeblich beginnt bald das Tratschwetter und ich bin verzweifelt auf der Suche nach wasserfesten Stiefeln. Warum hab ich nur meine Moonboots damals nicht nach Australien mitgenommen… ???
Stattdessen latsche ich meine Chucks zu Tode, und die wiederum sind der absolute Killer jeder Sockenferse. Ich habe deshalb meinen letzten freien Samstag fuer einen Besuch bei H&M genutzt, um mich mit neuen Socken einzudecken.
An dieser Stelle muss einmal gesagt sein, dass ich mich Dank Grosskonzernen wie H&M oder Ikea ueberall auf der Welt gleich wie zu Hause fuehle. Man weiss wo man suchen muss, wenn neue Snoopy Socken faellig sind, der Devided BH von der Waschmaschine zerfleischt wurde oder man die 1+3 Decke “Valmö” vermisst (und “Sven” ist sowieso bei jedem Umzug eine Pflichtanschaffung gegen heimliches Heimweh).
Am Weg zum Pacific Shoppingcenter lief ich mit der Septembersonne im Ruecken meine Lieblingsstrasse in Vancouver, die beruechtigte Granville Street, entlang und mir wurde zum ersten Mal bewusst, was den Charme meiner Nachbarschaft in Downtown ausmacht. Mit ihren 50er Jahre Style Venues mit Namen “Roxy”, “Vogue”, “Orpheum” oder “Plaza” ist die Granville purer Rock’n'Roll, mit ‘ner guten Portion Sex und Drugs. Nachts stehen die Clubber am “Penthouse” oder “Stonetemple” Schlange, und schraege Existenzen laufen Sinuskurven und fuehren dabei Selbstgespraeche. Samstag Nacht wird sogar ein ganzes Strassenstueck fuer den Verkehr gesperrt, wahrscheinlich um die Partypeople davor zu bewahren, im Halbdilirium nicht versehentlich ueberfahren zu werden. Die narbigen Geschaeftsfassaden von Rockshops und 25cent Peep Shows werden jedoch schon von schicken Adidas, Quicksilver und Urban Outfitters Labels unterwandert, und der rauhe Flair der Granville muss langsam aber sicher einem aufgeraeumten pre-olympischen Downtown weichen. Sogar die alten Ahorn Baeume, die noch bis Anfang des Jahres die Strasse saeumten, mussten ihr Leben fuer eine neue Skytrain Station lassen.
Eigentlich mag ich ja beides – das Schraege und das Aufgeraeumte. In meiner “hood” Yaletown ist alles etwas juenger und hipper, mit sauberen Buergersteigen und Glashochhausern und Organic Supermaerkten. Die DINKS (double income, no kids) fuehren ihre kleinen Bluthunde (wenn man draufsteigt, bluten sie) auf den schmalen Gruenstreifen Gassi, das Poopie Bag immer griffbereit. Bei uns ums Eck an der Davie Street, meiner zweitliebsten Strasse in Vancouver, habe ich sogar ein ganz nettes Cafe gefunden, Sydney-stilecht mit taetowiertem hip-Kid Barista und Blume im Milchschaum. Jaaaa es gibt sie doch, die Alternative zum Antichrist Starbxxx. Das Problem ist nur, dass ich mich schon so an die bruehheisse Milchpansche im Riesenbecher gewoehnt habe, dass mir alles andere mittlerweile viel zu stark und zu wenig ist.**
Wo sich Granville und Davie Street kreuzen erstreckt sich eine grossartige Fressmeile mit multikulti/Fast Food Restaurants, die den Uebergang zwischen Yuppy Yaletown und dem Regenbogen farbenen Schwulenviertel im West End bildet. Zwischen 15 verschiedenen Sushi und Pizza Laeden und einem persischen Cafe, wo es davor immer so lecker nach Apfeltabak riecht, befindet sich das gloriose “Fritz Fries”, unter Nachtschwaermern beruehmt fuer die angeblich beste “Poutine” der Stadt. Diese french-kanadische Spezialitaet besteht aus Pommes mit Kaese und Bratensauce, und nach einer durchzechten Nacht fruehmorgends eingenommen verhindert sie jeglichen Kater (haben wir bereits erfolgreich getestet).
Wie ich da also letzten Samstag die Granville und Davie entlang heimlief, mit meiner grossen H&M Einkaufstuete in der Hand (natuerlich ist es nicht nur bei Socken geblieben…) und so nach rechts und links schaute, dachte ich mir, dass ich Vancouver eigentlich schon recht gern mag. Ich habe mich an ihre kleinen Macken gewoehnt und sehe die innere Schoenheit durchblitzen. Vielleicht wird mir das alles gerade deshalb bewusst, weil unser Abreisetermin feststeht und ich jetzt weiss, dass ich nur mehr 11 Wochen hier sein werde.
Bald hat mich das Muehl4tel wieder, die Fluege fuer Dezember sind schon gebucht, und ich werde nach fast 1,5 Jahren wieder daheim sein! Ich freu mich schon so… !!!
**Ich sitze auch jetzt, waehrend ich diese Zeilen schreibe, auf einem unbequemen Holzstuhl bei dem, dessen Name nicht genannt werden darf, aber nur deshalb, weil ich hier mit meiner Starbucks Card gratis ins Internet kann und Coldplay laeuft.
Der autofreie Sonntag, das nenn ich doch mal ne vernünftige Sache. Wie viele Leute sich heute daran orientiert haben? Ich weiß es nicht, vielleicht bildete ich mir auch nur ein, dass heute die Straßen leerer waren.
Aber wenn schon mal autofreier Sonntag ist, dann halte ich mich auch dran – und fahre mit dem Motorrad. Die Gelegenheit muss man doch ausnutzen, wenn die Autos wirklich weg sind von den Straßen Norddeutschlands ;-)
Auch die Sonne spielt mit und glüht einen goldenen Herbst herbei. Also mal schnell die Karte aufgeschlagen, geschaut, was sich irgendwie gut anschaut und schon gebe ich Wilster, Brokdorf und Sommerland ins Navi ein und lasse es eine Route daraus berechnen – natürlich ohne Autobahnen und kürzeste Route. Das Ergebnis? 3 Stunden. Das klingt doch nach ner runden Sache.
Also auf Richtung Westen, durch Schleswig-Holstein, das wahrlich nicht nur zur Rapsblüte eine Tour wert ist. Bis Norderstedt sind die Straßen noch etwas voll und dort hat man dann auch noch die Straße wegen eines “Tages der Mobilität” gesperrt. Na wenn das am autofreien Sonntag mal nicht wie die Faust aufs Auge passt…
Überrascht folge ich der Route nach Norden, über Quickborn und Barmstedt. Barmstedt ist nicht wirklich ein schmuckes Örtchen, aber dafür hat man da selbst in die Dorfstraßen abwechslungsreiche Kurven gebaut. Zwischen Groß Offenseth-Aspern und Brande-Hörnerkirchen (wer gibt so kleinen Dörfern so große Namen?!) fahre ich plötzlich zwischen leuchtend blühenden Feldern hindurch. Was sind das? Chrysanthemen? Gelb und orange ist es in jedem Fall mindestens so beeindruckend wie Raps.
Blumig bleibt es auch bis Hohenfelde bevor die Route zu einer schön gezogenen Strecke über Lägerdorf, an Itzehoe vorbei und unter der Autobahn durch nach Heiligenstedten wird. Dort verkündet ein 1.150-Jahre-Schild, dass Heiligenstedten bereits 3 mal als Schönes Dorf prämiert wurde – verständlich, sind doch viele Häuser schön an der sich hindurchschlängelnden Stör gelegen. Inzwischen ist Heiligenstedten allerdings noch “reifer” geworden. Dieser Tage findet bereits das 1.175-Jahresfest statt.
Doch zum Feiern sind wir nicht hier. Über Wilster geht es weiter an die Elbe. Massiv steht der Meiler von Brokdorf an deren Ufer und ich bin froh, dass die Bundesstraße dahinter mich mit 100 km/h schnell an dem Atomkraftwerk vorbei kommen lässt.
Über die Blomesche Wildnis geht es ins Sommerland, wovon Sibirien übrigens nicht weit entfernt ist.
Bis Elmshorn schlängele ich mich noch durch Schleswig-Holstein, bevor ich auf die Autobahn wechsle, die kräftig verstockt ist. So viel also zum autofreien Sonntag! Ich fahre wenigstens Motorrad und habe eine gute Ausrede: Ich “muss” nämlich noch zum Sommerfest des nestwärme e.V., eines Vereines, der sich um behinderte Kinder kümmert.
Dass ich dort in die Planung einer karitativen Motorrad-Sternfahrt eingebunden werde, ahne ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Doch dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr… aber Ihr könnt Euch ja 2010 schon mal freihalten ;-) 
Gestern abend war es soweit!
Nachdem bei der Hamburger Theaternacht schon ein Auszug auf der Bühne präsentiert wurde, fand gestern – nur wenige Tage nachdem das Buch “Mit Carmen durch Sevilla” erschienen ist, die Welturaufführung des daraus entwickelten Theaterstückes im Hamburger Theater Echtzeit Studio statt.
Prosper Mérimée, seines Zeichens Schriftsteller und Autor von Carmen (und seit fast 140 Jahren tot), betritt als erster die Bühne, übernimmt die Rolle des Erzählers und berichtet aus seinem Lebenswandel, von Sevilla und von dem Zigeunermädchen Carmen, deren Tragödie in der Fabrica Real de Tabacos begann.
Auch Carmen kann uns natürlich nur als ReiseGeist durch diesen Abend, durch das Buch und durch die Straßen von Sevilla begleiten. Gemeinsam mit Mérimée bricht sie auf, um diesem (ein gebürtiger Franzose!) und uns die Stadt zu zeigen und Don José zu finden – den baskischen Soldaten, dessen Schicksal unweigerlich mit Carmen verknüpft worden war.
“Wenn die Mauern dieser Stadt erzählen könnten…”, sagt man doch so oft. Doch warum die Mauern sprechen lassen, wenn doch die ReiseGeister berühmter Persönlichkeiten noch durch die Gassen und über die Märkte ziehen?
Miguel Cervantes begegnet ihnen, der hier, in den Gefängnismauern von Sevilla, Don Quijote de la Mancha verfasste, und Don Juan, der so wie Carmen die Männer faszinierte den Frauen der Stadt verfallen war und ist.
Nach rund 40 Minuten schicken die Geister uns in die Pause – bevor sie mit noch geballterer Kraft zurückkommen…
Der Imperator des Römischen Reiches betritt die Bühne. Ja, auch Julius Cäsar wandelte einst in den Mauern von Sevilla – genau genommen ließ er die Mauern um die Stadt sogar ziehen, wie die Inschrift in der Puerta de Jerez noch heute verkündet.
Hemingway ist es schließlich, der uns zu einer weiteren Attraktion der andalusischen Metropole führt – zur Stierkampfarena – und damit unweigerlich zur Erinnerung an den Ort, an dem das Schicksal von Carmen und Don José besiegelt wurde.
Ein abwechslungsreicher Bogen zog sich gestern Abend, humorvoll und mit viel Liebe zum Detail durch die Premiere des Theaterstücks zu “Mit Carmen durch Sevilla” im Hamburger Echtzeit Studio.
Und der erfolgreiche Abend wurde anschließend in einem nahegelegenen Restaurant noch angemessen gefeiert.
Doch heute geht es schon wieder auf die Bühne für Silke Roca, Peter G. Dirmeier und Joachim Liesert – zur zweiten Vorstellung des Stückes.
Achtet auf weitere Termine unter www.travelerstales.de…


Dem Theaterteam unseren Glückwunsch für die gelungene Premiere!

Jens Freyler.
Seltsam, dass man sobald man im Ausland lebt, einen konstanten Unternehmungszwang verspuert. Ich habe das staendige Gefuehl, meine knappe Freizeit nutzen zu muessen, um so viel wie moeglich von dem Ort zu sehen. Jedes Wochenende, an dem ich auf der Couch herumdaddle, plagt mich ein enervierendes schlechtes Gewissen. Manchmal hoffe ich sogar auf schlechtes Wetter, um eine Ausrede fuer’s Nichtstun zu haben. Zu Hause jedoch vergehen oft Monate ohne nennenswerte Unternehmungen, obwohl es jede Menge Dinge zu sehen oder zu tun gaebe. Der Grund ist wahrscheinlich das Bewussstsein, dass die Zeit auf Reisen begrenzt ist und man glaubt, nie wieder dahin zurueck zu kehren. Was stimmen kann, muss aber nicht. Joerg und ich haben zur Sicherheit eine Liste gemacht mit Dingen, die wir hier noch unbedingt machen wollen, und die Liste ist lang und die Wochen fliegen dahin. Das verregnete lange Labour Day Wochenende, an dem wir eigentlich nach Whistler zum Wandern und Downhill Biken fahren wollten, hat uns in der Abarbeitung zurueckgeworfen, aber an den zwei Sonntagen davor konnten wir jeweils einen Punkt abhaken: Skydiving und Horseback Riding.
Ich hatte Joerg zum Geburtstag einen Tandem Fallschirmsprung geschenkt. Eigentlich wahnwitzig, dass jemand freiwillig seine ungeborenen Babies einem straff geschnuerten Harnisch opfert, um mit einer laecherlichen Eierkopfmuetze in 4000m Hoehe aus einem Flugzeug zu springen. Nach 50 Sekunden Euphorie im freiem Fall und 5 Minuten entspannter Zweisamkeit am Schirm kam er zum Glueck heil unten an, wobei wir das mit den Babies im Moment noch nicht verifizieren koennen.

Eine Woche spaeter fuhren Joerg und ich mit zwei Freunden nach Mission zum Reiten. Auf der Fahrt dahin kamen wir in Spuckreichweite der US Grenze und haetten zu gern einmal kurz das gelobte Land betreten, doch dank der terrorsicheren Einreisebestimmungen werde ich mit meinem DNA-losen oldschool Oesi-Reisepass vorerst leider nicht naeher an Amiland herankommen.
Am “Mustang Riding Stable” bekam Hoppareita Neuling Joerg eine kurze Einfuehrung in die Kunst des Westernreitens und danach ging es sofort raus auf einen 2-stuendigen Trail durchs Gebuesch. Mein 4-beiniger Untersatz Diego (oder “living vehicle” wie der Besitzer es in der Einfuehrung so schoen formulierte) war halb Vollblut halb Araber, was durchaus eine teuflische Mischung sein kann, doch fuer mich als alte Reiterbraut war das natuerlich kein Ding. Alle Tiere waren ausserdem extrem gut ausgebildet und zuverlaessig, manche davon hatten sogar schon in Filmen mitgespielt und sahen Explosionsstunts und schrille Singh Hochzeiten als willkommene Abwechslung im Pferdealltag. Wir hatten deshalb ausser einem wunden Popo keine groeberen Verluste zu verzeichnen, nur Rottweiler Thyson jedoch war am Ende nicht mehr ganz so fit. Er war mitgelaufen, um “seine” Pferde vor zu schnellen Autos zu beschuetzen (indem er einfach mitten auf der Strasse stehen blieb), und war nach den 2 Stunden in Staub und Hitze kurz vorm Abnippeln und keuchte wie ein altes Saegewerk.
Dieses Wochenende konnten wir dank sonnigen 26 Grad einen weiteren Punkt von unserer Liste streichen: einen Ausflug nach Bowen Island… aber davon, liebe Kinder, erzaehle ich beim naechsten Mal!
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